Aktuelle Stellungnahme

04.08.2009
Steuert China auf einen interethnischen
Konflikt zu?
Bernt Berger
Die jüngsten gewaltsamen Konfrontationen in Chinas
Xinjiang Provinz haben zu einer vollkommen neuen Situation
geführt, die Chinas innere Stabilität für
unbestimmte Zeit schwer belasten dürfte. Die
schwerwiegenden Konfrontationen zwischen uighurischen
und Han chinesischen Zivilisten zeigten ein im modernen
China bis dato nicht gekanntes Maß an interethnischer
Spannung auf.
Die Animositäten zwischen den ethnischen Gruppen
bringen den chinesischen Staat in ein Dilemma. Unter
Xinjiangs Han-chinesischer Bevölkerungsmehrheit
wächst der Unmut über das Verhalten der
Uighuren und führt zu starken Ressentiments.
Um jedoch die Harmonie zwischen den Ethnien zu bewahren
wäre eine Annäherung an die uighurische
Nationalität und der Wille zu grundlegenden Konzessionen
nötig. Zum jetzigen Zeitpunkt wäre ein solcher
Ansatz gegenüber der Han-chinesischen Mehrheit
in China schwer zu vermitteln. International steht
für Beijing noch mehr auf dem Spiel. Nachdem
die Türkei die jüngsten Vorkommnisse aufs
Schärfste verurteilt hat, befürchtet die
Regierung weitere Reaktionen in der turksprachigen
und islamischen Welt.
Es stellt sich die Frage, ob China auf einen interethnischen
Konflikt zusteuert und welche Faktoren und Wahrnehmungen
zu der gegenwärtigen Situation geführt haben.
Ausschreitungen zwischen uighurischen Aktivisten und
Sicherheitskräften der Zentralregierung sind
kein neues Phänomen. Zusammenstöße
zwischen Zivilisten stellen jedoch eine neue Stufe
der Eskalation dar. Bislang war die Intensität
des Konflikts niedrig. So lange die paramilitärische
bewaffnete Volkspolizei (People’s Armed Police
- PAP) ihre starke Präsenz in der Region aufrecht
erhält wird dieses so bleiben.
Was brachte das Fass zum überlaufen?
Offiziell schieben sich chinesische Zentralregierung
und der Uighurische Weltkongress (UWC) gegenseitig
die Schuld für die Vorkommnisse zu. Peking macht
‚feindliche ausländische Kräfte‘
für die ethnischen Unruhen verantwortlich. Der
UWC dagegen behauptet, chinesische Sicherheitskräfte
hätten friedliche Demonstranten verhaftet und
so Gewalttätigkeiten provoziert. Weder Peking
noch die Lobbyisten in München und Washington
DC haben ein Interesse daran einzugestehen, dass sich
der Konflikt zwischen Zentrum und Peripherie hin zu
interethnischen Spannungen verlagert hat. Ein solches
Szenario würde bedeuten, dass der Konflikt außer
Kontrolle ist und keine der Seiten ihn direkt beeinflussen
könnten.
Ironischerweise hatte Beijings Beharren ausländische
Kräfte hätten die Unruhen mobilisiert, unerwünschte
Nebeneffekte. Die Befürchtung, dass die exilierte
Aktivistin Rabiya Kadeer zur internationalen Gallionsfigur,
ähnlich dem Dalai Lama für die Tibeter,
werden könnte, wird sich jetzt bewahrheiten.
Die Aufmerksamkeit, die ihr durch die Beschuldigungen
zuteil wurde, brachte ihr eine Aufmerksamkeit ein,
die sie andernfalls kaum hätte erreichen können.
Die Uighuren in Urumqi haben sich mit den gewaltsamen
Übergriffen ebenfalls keinen Gefallen getan.
Angesichts der Vorfälle schienen die Entscheidungsträger
in Beijing selbstbewusst genug, um ausländischen
Journalisten Zugang zur Krisenregion zu gewähren.
Was hatte zu den Zusammenstößen geführt?
Der Gewaltausbruch in mehreren Städten in Xinjiang
war eine direkte Folge von Ausschreitungen zwischen
uighurischen Wanderarbeitern und Bewohnern der Stadt
Shaoguan, Guangdong Provinz, im Süden des Landes.
Die Konfrontation forderte unter den Uighuren mindestens
zwei Todesopfer. Zuvor sorgten bereits im März
2008 Unruhen in mehreren Städten Xinjiangs für
Schlagzeilen.
Im Verlauf der letzten Unruhen versuchten die chinesischen
Polizeikräfte zunächst eine Konfrontation
zu umgehen. Dieses war vor allem der Tatsache geschuldet,
dass Vize-präsident Xi Jinping, kommissarisch
für die innere Sicherheit verantwortlich, nicht
über ausreichende Kompetenzen für ein härteres
Vorgehen verfügte. Xis Befugnisse sind begrenzt,
da er kein Mitglied der Zentralen Militärkommission
(CMC) ist, die das Kommando über die paramilitärische
PAP hat.
Stattdessen musste Präsident Hu Jintao, Vorsitzender
der Zentralen Militärkommission, den G8 Gipfel
in Italien verlassen um seine Befugnisse wiederaufzunehmen
und polizeiliche Maßnahmen einzuleiten. Zu diesem
Zeitpunkt gab es in der chinesischen Öffentlichkeit
in Urumqi bereits laute Klagen über den mangelnden
Schutz der Zivilbevölkerung. Insbesondere Han-chinesische
Zivilisten gingen auf die Straße und verübten
Vergeltungsschläge.
Einige Quellen weisen darauf hin, dass der Parteisekretär
und „Mann für das Grobe“ der KPC
Xinjiang Wang Lequan den Informationsfluss zunächst
eingeschränkt hatte um das Ausmaß des Konflikts
herunter zu spielen. Wang und Hu sind politische Verbündete.
Beide vertreten gegenüber politischen Bestrebungen
ethnischer Minderheiten eine Politik der starken Hand.
Hu, selbst einst Parteisekretär in Tibet, hatte
Wang im Amt bestätigt. Hus abrupte Abreise vom
G8 Gipfel könnte auch daher nötig gewesen
sein, da im Politbüro Uneinigkeit über den
Umgang mit inneren Unruhen herrscht. Dieses könnte
auch bedeuten, dass ein hartes Durchgreifen, wie zuvor
in Tibet, Resultat parteiinterner Machtkämpfe
geworden ist.
Schwierige Herausforderungen für die Zentralregierung
Obwohl von offizieller Seite die Beziehung zur uighurischen
Nationalität gern als positiv und von Respekt
und Wertschätzung geprägt dargestellt wird,
ist das öffentlichen Bewusstsein in der Regel
von einem anderen Bild geprägt. Fremdenfeindliche
Stereotype, die den Uighuren einen Hang zu Vergewaltigung,
Kleinkriminalität Drogenhandel und Gewalt unterstellen,
sind weit verbreitet. Dieses Bild wird jetzt durch
eine empfundene Undankbarkeit seitens der Uighuren
ergänzt. In der öffentlichen Wahrnehmung
hat die Nationalität von dem anhaltenden Wirtschaftboom
und die bevorzugende Minderheitenpolitik (affirmative
action) profitiert. Jedoch sind im Gegensatz zu öffentlichen
Meinung die schwierigsten Herausforderungen in der
Region sozioökonomischer Ursprungs und politischen
Fehlern in der Vergangenheit geschuldet.
Heute betrachten einige Experten innerhalb Chinas
strategische Fehler in der Vergangenheit als entscheidenden
Faktoren um die gegenwärtige Situation zu begreifen.
Allen vorweg sollte die Schaffung der „Autonomen
Uighurischen Region Xinjiang“ aus chinesischer
Sicht den interethnischen Status Quo manifestieren.
Die autonome Region sollte seinerzeit unter der Schirmherrschaft
Beijings und der Vorherrschaft der KPC begründet
werden. Uighurische Eliten wurden an Parteischulen
ideologisch geschult, wodurch die Loyalität zur
Zentralregierung sichergestellt werden sollte. Auch
heute stellen Uighuren auf Provinzebene die Regierung
während der Parteisekretär nach wie vor
ein Han-chinese ist.
Die Gewährung eines autonomen Status, so die
Experten, weckte falsche Hoffnungen und förderte
einen neuen Gemeinschaftssinn oder eine uighurische
Identität, die vorher, in einer in Clans gespaltenen
Gesellschaft, nicht existierte. Gleichzeitig sind
die Uighuren mit 45 % der Bevölkerung in Xinjiang
nur eine von fast fünfzig nationalen Minderheiten
in der Region. Andere Minderheiten wie die muslimischen
Hui fechten die uighurische Vorherrschaft an.
Sozioökonomische Fragen spielen ebenfalls eine
große Rolle in einer Region, in der eine wachsende
Zahl der Einwohnerschaft nicht vom Wirtschaftsboom
profitieren konnte. Zum Beispiel verbleiben weniger
als 5% der Erlöse aus der Erdgasförderung
in Xinjiang. Ein ungerechtes System der Landverteilung
hat die Missstände noch verschärft. 80%
der Bevölkerung besitzen kein Land. Die Zentralregierung
hatte in der Vergangenheit nach der Besetzung in 1949
das besitzerlose Land außerhalb der Oasen konfisziert,
dort befinden sich die meisten Vorkommen an Erdgas
und anderen Ressourcen. Fruchtbares Land wurde in
der Regel von traditionellen Großgrundbesitzern
aufgekauft.
Regel von traditionellen Großgrundbesitzern
aufgekauft.
Angesichts der derzeitigen Entwicklungen ist der vorherrschende
interethnische Status quo, der das Primat der KPC
gewährleistet ein Anachronismus. Solange er nicht
durch eine realisierbare und repräsentative Regierungs-
und Verwaltungsform ersetzt wird kann die Stabilität
in der Region nicht gewährleistet werden. Da
die KPC Führung jedweden Schritt in diese Richtung
als Gefährdung der Zentralregierung und ihrer
eigenen zentralen Stellung betrachtet (und damit den
tatsächlichen Status Quo), kann keine Lösungen
für die Probleme in den autonomen Regionen gefunden
werden.
Ausblick
Wie zuvor in Tibet haben die letzten Zusammenstöße
zwischen Zivilisten die Hemmschwelle der Gewaltanwendung
herabgesetzt. Die Rolle der Polizei beschränkt
sich nicht mehr nur darauf Übergriffe seitens
der Uighuren in Schach zu halten, sondern auch die
ethnischen Gruppen auseinander zu halten. Dennoch
ist die Wahrscheinlichkeit eines offenen Bürgerkrieges
in der Region bislang gering. Das ist nicht nur der
außergewöhnlich starken Präsenz der
Sicherheitskräfte in der Region geschuldet, sondern
auch eine Frage der zur Verfügung stehenden Mittel.
Der Mangel an Waffen und Sprengstoff hält die
Intensität des Konfliktes auf einem niedrigen
Niveau. Externe Hilfe ist gering und meist auf finanzielle
Hilfe beschränkt. Peking hat große Anstrengungen
unternommen um grenzüberschreitenden Waffenhandel
zu unterbinden.
Die angespannte Lage und verzweifelte ökonomische
Situation vieler Uighuren könnte jedoch vor allem
unter jungen Uighuren zu einer zunehmenden Radikalisierung
führen. Nach der von der USA geleiteten Intervention
in Afghanistan und Operationen in Teilen des nördlichen
Pakistans ist die Organisation und Planung terroristischer
Aktivitäten seitens der Uighuren erschwert worden.
Dennoch hat sich das Potential für gewaltsame
Anschläge innerhalb Chinas erhöht. Kleine
terroristische Zellen sind bereits Realität.
Militante uighurische Organisation mit Ausnahme von
der Teilnahme an Trainingslagern keinen Anschluss
an den radikalen islamischen Terrorismus gesucht um
eine Konfrontation mit der USA zu vermeiden. Dennoch
sind in der Zukunft Anschläge islamistischer
Extremisten auf chinesische Einrichtungen im Ausland
nicht länger auszuschließen.
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