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Aktuelle Stellungnahme


6.1.2009

Der Krieg in Gaza wirft bislang viele Fragen auf, die sich derzeit keineswegs abschließend beantworten lassen. Unsere Nahostexpertin Dr. Margret Johannsen hat nachfolgend einige häufig gestellte Fragen in aller Kürze schriftlich behandelt. Ausführlichere Informationen zum israelisch-palästinensischen Konflikt finden sich unter
Margret Johannsen


Fragen und Antworten zum Krieg in Gaza – 6.1.2009
Dr. Margret Johannsen

1. Die Bodentruppen in Gaza - Wie ist die Lage einzuschätzen?
Gefährlich für beide Seiten – besonders aber für die eineinhalb Millionen Menschen, die vor der Artillerie und den Luftangriffen – die gehen ja weiter – nicht weglaufen können. Eine Waffenruhe scheint in weite Ferne gerückt.

2. Ist Israels Vorgehen gerechtfertigt?
Israel kann den Beschuss seines Territoriums nicht auf Dauer hinnehmen, auch wenn die primitiven Raketen meistens irgendwo landen, wo sie keinen Schaden anrichten. Aber Israel muss sich an das Gebot der Verhältnismäßigkeit halten. Es ist fraglich, dass dies in diesem dichtbesiedelten Gebiet überhaupt möglich ist. Vor allem aber: Es hätte Alternativen zu der israelischen Militäroffensive gegeben. Hamas war zu einer Wiederauflage der gegenseitigen Waffenruhe bereit, wenn Israel dafür die Blockade des Gazastreifens aufgehoben hätte. Doch es ging Israel wohl nicht nur um ein Ende des Raketenbeschusses, sondern um einen Sturz der Hamas-Regierung. Hierzu ist Israel allerdings nicht berechtigt, schon gar nicht mit militärischer Gewalt.

3. Wo liegt das Hauptproblem zwischen Hamas und Israel?
Hamas ist aus ideologischen Gründen nicht bereit, das Existenzrecht Israels formell anzuerkennen. Eine De-facto-Anerkennung, z.B. durch einen zehn- oder zwanzigjährigen Waffenstillstand, worüber Hamas-Führer immer wieder laut nachgedacht haben, genügt Israel nicht. Israel hat kein Vertrauen in solche Arrangements.

4. Warum riskiert Israel schlimme Schlagzeilen von vielen toten israelischen Soldaten, kurz vor der Wahl?
Aus dem Libanonkrieg hat die israelische Regierung die Lehre gezogen, dass es bei der Bevölkerung nicht gut ankommt, wenn eine Sache nicht zu Ende gebracht wird, sprich: Hamas vernichtet wird. Dafür, glaubt man, ist eine Bodenoffensive erforderlich. Die jüdische Bevölkerung in Israel scheint euphorisiert von den aktuellen Erfolgen der Luftwaffe. Über Alternativen zur Vernichtung des Feindes denkt sie in dieser Frage nicht nach. Die Dämonisierung der Hamas ver-sperrt ein solches Denken. Israel soll endlich einmal wieder siegen.

5. Wird mit den ersten neuen Opfern auf israelischer Seite die Diplomatie zurückkehren?
Nein – wenn damit gemeint ist, dass die Diplomatie an die Stelle des Krieges tritt. Parallel zu den Kämpfen gibt es allerdings rege diplomatische Aktivität, Reisen hoher Funktionsträger in die Region und dergleichen. Aber solange es ein klammheimliches Einverständnis mit Israels Ziel gibt, die Herrschaft der Hamas im Gazastreifen zu beenden, muss Israel die Reisenden und ihre mahnenden Worte nicht fürchten.

6. Welche Verantwortung haben EU, Nato, UN, Deutschland, die USA...?
Die EU einschließlich Deutschlands und die USA sind mitverantwortlich für die Situation, denn sie haben die Blockade des Gazastreifens mitgetragen. Hier wäre eine Kursänderung erforderlich. Die UNO ist politisch, d.h. im Sicherheitsrat blockiert, sie kann lediglich humanitäre Hilfe leisten und tut dies ja auch, im Gazastreifen allerdings unter äußerst schwierigen Bedingungen. Die Nato könnte nur dann Verantwortung übernehmen, wenn militärische Kräfte von Israelis und Palästinensern gerufen würden, um einen Waffenstillstand zu überwachen. Damit ist aber derzeit kaum zu rechnen.

7. Wie realistisch ist Israels Strategie, einen Waffenstillstand zu seinen Konditionen bzw. mit einem siegreichen Israel zu erzwingen?
Militärisch wird Israel siegen können, in dem Sinne, dass sich kurzfristig kein Widerstand mehr regt. Aber was kommt danach? Einen Waffenstillstand zu den Konditionen eines siegreichen Israel wird Hamas kaum unterschreiben. Was hätte sie davon? Sie hatte politische Pläne, wollte mitregieren. Das wird Israel nicht zulassen. Eine Rückkehr in den Untergrund ist die wahrscheinlichere Perspektive. Einer Befriedung der Region wäre man damit keinen Schritt nähergekommen.

8. Wie kann Frieden in dieser Region einkehren bzw. was kann aktuell getan werden?
Aktuell wäre eine sofortige Waffenruhe wünschenswert, die dem Sterben ein Ende macht und der Diplomatie wieder eine Chance gibt. Frieden wird erst einkehren, wenn die israelischen Truppen aus den palästinensischen Gebieten abziehen und die Palästinenser die Chance erhalten, dort einen entwicklungsfähigen Staat aufzubauen.

9. Hat der Friedensprozess noch eine Chance?
Ja, wenn er mit Ernsthaftigkeit angegangen wird. Wenn z.B. die USA oder die EU sich endlich entschließen würden, Druck auf die Konfliktparteien auszuüben, wenn diese ihre Verpflichtungen nicht erfüllen. Wenn endlich der Siedlungsbau im Westjordanland endete, würde dies die kompromissbereiten Kräfte bei den Palästinensern stärken. Aber bisher begnügen sich die USA und die EU bei dieser Frage mit Worthülsen. Israel nimmt leere Worte, denen keine Taten folgen, offensichtlich nicht ernst.

10. Was wird aus dem Gazastreifen, wenn Israel die Hamas tatsächlich entmachtet? Wer regiert dann dort?
Das ist völlig offen. Die Amtszeit des 2005 gewählten Präsidenten Abbas läuft im Januar 2009 ab. Er regiert ohnehin nur mit Hilfe von Dekreten, denn die Fatah, auf die er sich stützt, wurde 2006 abgewählt. Sie kann die israelische Offensive im Gazastreifen nicht für eine Rückkehr an die Macht im Gazastreifen nutzen, ohne als Marionette Israels und des Westens zu gelten. Neuwahlen ohne eine Beteiligung der Hamas würden zu keinem demokratisch akzeptablen Ergebnis führen. Hamas selbst hält Neuwahlen für illegitim, weil sie damit um ihren Wahlsieg 2006 gebracht werden würde. Eine Versöhnung der beiden palästinensischen Bewegungen Hamas und Fatah und die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit wäre das Optimum. Eine solche Regierung gab es 2007 schon einmal, vermittelt von Saudi-Arabien. Sie scheiterte damals am Boykott Israels und des Westens. Geordnete Verhältnisse im Gazastreifen sind nur möglich, wenn eine palästinensische Einheitsregierung nicht nur von den arabischen Staaten, sondern auch von Israel, den USA und der EU respektiert würde.

Kontakt:
Dr. Margret Johannsen


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