zur IFSH StartseiteIFSH Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg English

Sitemap

Impressum
AKTUELLESIFSH-PROFILARBEITSBEREICHESTUDIUMPERSONALPUBLIKATIONENBIBLIOTHEK/DOKUMENTATIONKONTAKTLINKS



Aktuelle Stellungnahme


02.12.2008

Die EU und Russland nach dem Gipfel von Nizza: alles auf Null?
Dr. Regina Heller

Der EU-Russland-Gipfel am 14. November 2008 in Nizza verlief äußerst harmonisch. Das war angesichts der Spannungen, die im Zuge des Georgienkriegs zwischen Moskau und Brüssel entstanden waren und das Verhältnis in den vergangenen Monaten deutlich belastet hatten, nicht unbedingt zu erwarten. Statt in Krisenstimmung und gegenseitigen Vorwürfen übten sich beide Seiten in Versöhnlichkeit und Tatendrang. Mit beinahe beklemmender Entschlossenheit machten sich die EU und Russland daran, die gemeinsamen Probleme in ihren Beziehungen anzupacken:

  • die Verhandlungen über das neue EU-Russland-Abkommen, die nach dem Einmarsch russischer Truppen in Kerngeorgien im August von der EU-27 eingefroren worden waren, sollen wieder vorangetrieben werden;
  • im kommenden Jahr wollen die EU und Russland im Rahmen der OSZE Beratungen über die „Grundlagen der zukünftigen europäischen Sicherheit“ aufnehmen und
  • gemeinsam wollen sich beide Seiten für eine Reform des internationalen Finanzsystems stark machen.
Es scheint, als knüpften die EU und Russland in ihren Beziehungen just dort wieder an, wo sie beim letzten Gipfel im Juni dieses Jahres aufgehört haben. Allerdings hatte der Sommergipfel im russischen Chanty-Mansijsk in keinem der drei Themenfelder bahnbrechende Fortschritte gebracht. Tatsächlich erklärt sich der neue Optimismus in den bilateralen Beziehungen aus der aktuellen Krise selbst: Der Krieg in Georgien hat das Verhältnis zwischen der EU und Russland zwar kurzfristig belastet, jedoch ganz wesentlich als Katalysator für die Herausbildung neuer Vorwärts-Bewegungen gewirkt. Die globale Finanzkrise hat ihr Übriges dazugetan, die aktuellen Spannungen abzufedern.

Überwindung EU-interner Stolpersteine

Sowohl die EU als auch Russland strebten schon seit langem die Aufnahme von Verhandlungen über ein neues Partnerschaftsabkommen an. Streit über Energie- und Handelsfragen zwischen einzelnen neuen EU-Mitgliedstaaten und Russland führten jedoch dazu, dass der Startschuss erst im Sommer 2008 gegeben werden konnte. Die über ein Jahr anhaltende Blockadesituation machte deutlich, dass die EU als Ganze noch keinen geschlossenen Ansatz gegenüber ihrem östlichen Nachbarn gefunden hatte und die innere Spaltung der Union über die Frage, wie mit Russland umzugehen sei, mit der Beilegung der bilateralen Konflikte noch lange nicht ausgestanden war.

Der Ausbruch des Georgienkriegs brachte den ungelösten Richtungsstreit wieder an die Oberfläche und verstärkte die Fliehkräfte innerhalb der EU. Russland-kritische Mitgliedstaaten sprachen sich dafür aus, die Beziehungen grundsätzlich zu überdenken. Russland-freundliche EU-Staaten mahnten hingegen zur Besonnenheit und riefen dazu auf, die Zusammenarbeit mit Russland in so wichtigen Fragen wie Energieversorgung nicht aufs Spiel zu setzen. Dass sich die EU trotz aller internen Diskussionen auf ihrem Sondergipfel im September für eine Weiterführung der Beziehungen mit Russland aussprach, ist nicht zuletzt dem eigenen Erfolg bei der Friedensvermittlung unmittelbar nach Ausbruch des Georgienkriegs geschuldet. Die EU-27 konnte dank der starken Führung des französischen EU-Ratspräsidenten Nikolas Sarkozy die Erfahrung machen, dass nur eine geschlossene Union tatsächlich auch handlungsfähig gegenüber Russland ist.

Ein europäischer Sicherheitsvertrag

Ein halbes Jahr ist es her, dass Staatspräsident Dmitrij Medwedjew in Europas Hauptstädten für einen neuen euro-atlantischen Sicherheitsvertrag geworben hat. Nicht mit aggressiver Großmachtrhetorik wie sein Amtsvorgänger Wladimir Putin, sondern versöhnlich wollte Medwedjew auf Russlands Unzufriedenheit über die gefühlte Ausgrenzung, westliche, insbesondere US-amerikanische Alleingänge sowie die als Bedrohung empfundene Erweiterung der NATO auf Länder des postsowjetischen Raums aufmerksam machen. Doch die Reaktionen des Westens fielen verhalten bis ausweichend aus. Die EU bekräftigte nach dem Gipfel im Juni zwar, sie stehe einer Diskussion über den Vorschlag grundsätzlich „offen“ gegenüber, doch sah man zunächst Moskau in der Bringschuld, Vorschläge zu den Inhalten und Zielen einer solchen neuen Sicherheitsordnung zu machen.

Russlands demonstrative Entschlossenheit, die eigenen Interessen in Georgien mit Nachdruck und wenn nötig auch gewaltsam zu vertreten, hat dazu geführt, dass die westlichen Staaten aufmerksamer gegenüber den tieferliegenden Bedenken Russlands geworden sind. Dass der Vorschlag einer europäischen Sicherheitskonferenz nun von der EU aufgegriffen wurde und als gemeinsame EU-Russland-Initiative im nächsten Jahr im Rahmen der OSZE diskutiert werden soll, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Russland gerade durch sein Verhalten im Georgienkrieg an Glaubwürdigkeit verloren hat. So hat Russland zum Beispiel mit der Anerkennung Südossetiens und Abchasiens eines der ursprünglich geforderten Leitprinzipien, nämlich die Respektierung der territorialen Integrität von Staaten, missachtet.

Globale Fragen: gemeinsam gegen die Finanzkrise

Globale Probleme kann ein Staat oder die EU nicht alleine lösen. Hierzu bedarf es Verbündeter, um der eigenen Position in internationalen Gremien mehr Gewicht zu verleihen und die eigenen Ziele durchsetzen zu können. Lange Zeit hat sich Russland in Fragen des globalen Regierens als wenig berechenbarer Gegenpart für die EU erwiesen. Neue Impulse brachte der EU-Russland-Gipfel im Juni 2008: Präsident Medwedjew bot der EU eine stärkere Zusammenarbeit bei der Bearbeitung globaler Probleme an und empfahl sich als verlässlicher und verantwortungsvoller „Ko-Manager“. In Chanty-Mansijsk wurde über die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit bei der Bewältigung der weltweiten Lebensmittelkrise gesprochen. Auch die Instabilität auf den globalen Finanzmärkten war damals bereits ein Diskussionspunkt.

Akuter Handlungs- und Koordinierungsbedarf ergab sich allerdings erst im Zuge der weltweiten Finanzkrise. Die EU und Russland streben seither eine bessere Kontrolle der weltweiten Finanzmärkte und eine Reform des Weltfinanzsystems an. Die relativ hohe Konvergenz der Interessen beschleunigte trotz aller Streitigkeiten über Russlands Vorgehen in und nach dem Fünf-Tage-Krieg in Georgien die Wiederannäherung zwischen Brüssel und Moskau vor und auf dem Gipfel in Nizza. Hier wurde schließlich der Schulterschluss vollzogen: Beide Seiten stimmten ihre Positionen im Vorfeld des G20-Finanzgipfels in Washington ab, um dort „mit einer Stimme“ zu sprechen.

Fazit

Moskau ist und bleibt ein wichtiger Partner der Union, gegen und ohne den nicht nur in puncto europäische Sicherheit, sondern auch auf globaler Ebene wenig zu erreichen ist. Diesem Fakt trägt die neue Dynamik in den Beziehungen Rechnung. Die EU hat im Zuge der weltpolitischen Ereignisse der letzten Monate dazugelernt: Die Georgienkrise hat – zumindest vorläufig – die Mitgliedstaaten in einer schwierigen Situation und gegenüber einem schwierigen Partner zusammengeschweißt. Die EU sollte jetzt jedoch nicht zu einer „Russia first“-Politik zurückkehren. Der neue Schwung und Optimismus in den bilateralen Beziehungen darf nicht von Wunschdenken angetrieben, sondern sollte von einer realistischen Einschätzung der jeweiligen Positionen und Interessen geleitet werden. Ansonsten wäre die nächste Krise schon vorprogrammiert. Die EU sollte in dieser Situation weiterhin alles daran setzen,
  • ihr politisches Engagement im östlichen Europa zu intensivieren und auf diese Weise einen Ausgleich zu ihrer Politik gegenüber Russland zu schaffen und

  • im Sicherheitsdialog mit Russland klare Spielregeln einzufordern, an die alle Akteure in Europa – ob groß oder klein – gebunden werden.



Kontakt:
Dr. Regina Heller

Download Document