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IFSH-Eurasienexpertin Anna Kreikemeyer bei der Jahrestagung der British Studies Association

IFSH-Eurasienexpertin Anna Kreikemeyer hat sich an der Jahrestagung der British Studies Association (BISA) in Bath, Großbritannien (13.-15.6.2018) mit zwei Vorträgen beteiligt:

Im Panel “How (not) to do research on development, peace and security in Central Eurasia: Reflections, lessons, and new ways forward” präsentierte Anna Kreikemeyer ein Paper zum Thema “Prospects for Peace Research in Central Eurasia. Between Discourses of Danger, Local Social Orders and Hybridizations”. Darin ging sie der Frage nach, wie die liberale Friedensforschung konzeptionell und methodisch weiterentwickelt werden kann angesichts der Ungleichgewichte, Differenzen und Abgrenzungen im Verhältnis zu Eurasien. „Eurasien“ bezeichnet die postsowjetischen Staaten und ihre Nachbarländer.  

West-Ost: Unterschiedliche Vorstellungen über Konfliktbewältigung

 

Bei der Art und Weise wie akademisches Wissen geschaffen und auf akademischen Märkten verbreitet wird (Knowledge Production), gibt es Gemeinsamkeiten, aber auch beträchtliche Unterschiede zwischen westlicher und eurasischer Friedens- und Konfliktforschung. Differenzen bestehen z.B. bei den unterschiedlichen Einstellungen zu Konflikten und bei den Vorstellungen, wie sie bewältigt werden sollen. In Europa betrachten Friedensforscherinnen und Friedensforscher soziale Konflikte in der Regel als unvermeidlich und sehen in einer gewaltfreien Konfliktbewältigung auch Chancen. In Eurasien sieht man in Konflikten vor allem eine Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Deshalb bevorzugt man dort schnelle und autoritative Formen der Konflikteindämmung. Auch vor militärischen Instrumenten schreckt man weniger zurück. In der europäischen Tradition wird Friedensstiftung als konstruktiver vermittelnder Prozess zwischen allen Konfliktparteien angesehen. In Eurasien hingegen stehen staatliche, autoritäre Regelungen verbunden mit sozialer Eintracht und wirtschaftlichem Wohlergehen der Bevölkerung im Vordergrund.

 

Welche Folgen hat ein autoritäres Konfliktmanagement?

 

Angesichts dieser kulturellen und politischen Ungleichgewichte und Unterschiede plädiert Kreikemeyer in einem Mehrebenenansatz für einen achtsamen Umgang mit universalistischen Ansprüchen bei liberalen Vorstellungen zum Friedensaufbau in Eurasien. Nach Ansicht der Autorin sind hier noch tiefer gehende Studien und Dialoge über konkrete Konflikte und Interventionsformen wichtig. Dabei sollte auch genauer erforscht werden, wie soziale Ordnungen zum Friedenserhalt beitragen können und welche sicherheitspolitische Folgen ein autoritäres Konfliktmanagement hat. Außerdem ist im Zeitalter der Globalisierung noch zu wenig bekannt, wie externe Faktoren Einfluss auf lokale Konflikte und auf Friedensprozesse nehmen.

 

Akademischer Austausch zwischen Ost und West

 

Im Workshop “Security Theory, Expertise and Practice: Past Experiences and New Approaches to Collaboration“ wurden Kooperationserfahrungen in der Forschung mit ausländischen Partnern und Partnerinnen vorgestellt. Es wurde gefragt, wie diese gemeinsame Wissensproduktion die humanitäre Sicherheit beeinflussen kann und wie nachhaltig sie ist. Inwiefern wirken Sachzwänge oder Interessen auf die Projektentwicklung und – vermarktung ein? Auch diese Fragen waren Gegenstand der Diskussion. Kritisch geprüft wurde, ob und wie Fragestellungen möglicherweise dazu führen, dass ein Thema ausschließlich oder zu stark unter sicherheitspolitischen Aspekten betrachtet wird. Von besonderem Interesse waren schließlich innovative Ideen zu praktischer Kooperation.

 

 Eurasia Peace Studies Exchange Project

 

Kreikemeyer stellte das Konzept und die Erfahrungen des Eurasia Peace Studies Exchange Projects vor. Das vom Norwegian Centre for International Cooperation in Education (SIU) geförderte akademischen Netzwerk orientiert sich an dem oben beschriebenen Ansatz. Es verfolgt das Ziel kulturelle, normative und politische Ungleichgewichte und Differenzen in Europa und Eurasien durch akademischen Dialog und Austausch im Bereich der Friedensforschung zusammenzuführen und zu diskutieren. Das Projektteam aus Mitgliedern der Fakultäten für Internationale Beziehungen der Staatlichen Universität Odessa und Tiflis, der Akademie für Bildungswissenschaften in Kiew, der Abteilung für Sozialanthropologie der American University of Central Asia in Bishkek des Centre for Peace Studies an der Arktischen Universität Tromsø und des IFSH hat bereits Koordinationstreffen und Intensivworkshops durchgeführt. Sie fanden in Norwegen, Georgien, in der Ukraine und am IFSH in Hamburg statt. Ein weiterer Workshop in Kirgisistan ist für 2019 geplant. Neben vielen Gemeinsamkeiten wurden hierbei auch unterschiedliche Wahrnehmungsmuster und Prioritätensetzungen zu Friedensgefährdungen deutlich. So stehen für georgische und ukrainische Kolleginnen und Kollegen vor allem sicherheitspolitische Herausforderungen durch Russland im Fokus. Deutsche und norwegische Teammitglieder möchten neben dem Thema Russland aber auch an der Bewältigung globaler Probleme arbeiten, wie etwa dem Klimawandel oder der weltweiten Migration.