Ausgabe 28/1999
Hamburg, September 1999
Das Versagen der Politik und
die Hoffnung auf einen "Frieden von unten"
Laudatio
aus Anlaß der Verleihung des Aachener Friedenspreises am 1. September
1999
1. "Nie wieder Krieg!" oder
"Nach dem Krieg ist vor dem Krieg!"
Der Aachener Friedenspreis
wird bewußt am 1. September, dem Antikriegstag, verliehen. Ich möchte deshalb
mit einem allgemein bekannten Zitat beginnen:
"Seit 5.45 Uhr wird
jetzt zurückgeschossen, und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten."
Mit dieser
Lüge Hitlers begann das Deutsche Reich den Zweiten Weltkrieg.
Angriff und
Verteidigung sind Siegerdefinitionen. Das verbrecherische Nazi-Regime wußte
dies für sich zu nutzen, als es am 1. September 1939 über Polen herfiel.
Zehn Jahre
später zogen der Herrenchiemseer Konvent (1948) und der Parlamentarische Rat
(1948/49) die verfassungsrechtlichen Konsequenzen: Niemals wieder sollte
Deutschland einen völkerrechtswidrigen Krieg auch nur vorbereiten können.
Auf der 6.
Sitzung des Hauptausschusses des Parlamentarischen Rates am 19. November 1948
gab Carlo Schmid - einer der Großen der deutschen Sozialdemokratie - zu
Protokoll:
"Wir sollten unsere
Meinung zum Ausdruck bringen, daß in einem geordneten Zusammenleben der Völker
das, was man früher als die ultima ratio regum, als das Souveränitätsrecht der
Souvenränitätsrechte ansah, schlechthin keine Stätte mehr haben soll, daß, wenn
schon Gewalt ausgeübt werden muß, diese Gewalt nicht als nationaler
Souveränitätsakt ausgeübt werden soll, sondern als Akt des kollektiven
Selbstschutzes aller Nationen, die dafür sorgen, daß auf der ganzen Welt der
Frieden erhalten bleibt und es Angreifern unmöglich gemacht wird, den Frieden
zu stören. ... Wer in dieser Welt hat denn je behauptet, er treibe
Kriegsrüstungen, um einen Angriffskrieg zu machen? Es hat noch niemand etwas
anderes gesagt, als daß seine Kriegsrüstungen dazu dienten, einen
Verteidigungskrieg vorzubereiten."
Die Lehren,
die der Parlamentarische Rat aus diesen und ähnlichen Überlegungen zog, finden
sich bis heute in einer ganzen Anzahl bemerkenswerter Grundgesetznormen. Zu
ihnen gehören die Präambel, Artikel 1 Absatz 2, Artikel 4 Absatz 4, Artikel 9
Absatz 2, Artikel 24 Absatz 1, 2 und 3, Artikel 25 sowie Artikel 26 Absatz 1
und 2 GG. Mit diesen Normen sollte der Friedenswille des deutschen Volkes in
eindeutiger Abkehr von einem System, das selbst vor Angriffskriegen und
millionenfachen Massenmorden und Versklavungen nicht zurückgeschreckt war, zum
unabänderlichen Leitgedanken und Wesensmerkmal erhoben werden. Ganz besonders
deutlich wird dies in Artikel 26 Absatz 1 GG. Dort heißt es:
"Handlungen, die geeignet sind und in der Absicht vorgenommen
werden, das friedliche Zusammenleben der Völker zu stören, insbesondere die
Führung eines Angriffskrieges vorzubereiten, sind verfassungswidrig. Sie sind
unter Strafe zu stellen."
Wie weit Art. 26 Abs. 1 Satz
1 GG reicht, beantwortet die Norm bei exakter wörtlicher Auslegung selbst:
Verboten ist nicht nur die Vorbereitung eines Angriffskrieges, sondern jede
beabsichtigte Handlung, die auch nur "geeignet"
ist, eine friedensstörende Handlung "vorzubereiten".
Die verbotene Friedensstörung selbst braucht also noch nicht eingetreten zu
sein, der Angriffskrieg noch nicht begonnen zu haben. Nach Art. 26 Abs. 1 GG
genügt bereits die bloße "Eignung". Es muß also nicht faktisch
gestört werden oder worden sein. Das Verbot der Friedensstörung und des
Angriffskrieges ist in Wahrheit sogar ein Verbot bereits der abstrakten
Friedensgefährdung.
1999 wird der
Aachener Friedenspreis das zwölfte Mal vergeben. Die diesjährige Verleihung ist
gleichwohl eine Premiere. Elf Mal seit 1988 fand die Vergabe des Preises in
einem gesellschaftlichen, politischen und auch rechtlichen Umfeld statt, das
sich weitgehend einig wußte. Einig in der Lehre aus den von Deutschland 1914
und 1939 begonnenen Weltkriegen: Nie wieder sollte Krieg von deutschem Boden
ausgehen!
Heute, am Tag der
sechzigsten Wiederkehr des deutschen Überfalls auf Polen,
jetzt, im Jubiläumsjahr des
fünfzigsten Geburtstages unseres Grundgesetzes und seines weltweit einmaligen
Friedensgebotes,
jetzt, im Jubiläumsjahr des
fünfzigsten Geburtstages der NATO und ihrer Ausrichtung an der Charta der
Vereinten Nationen und deren völkerrechtlichem Gewaltverbot,
wissen wir: Der Satz
"Nie wieder Krieg!" ist Makulatur. Die Verleihung des zwölften
Aachener Friedenspreises - die erste seit dem Einsatz der NATO bzw. der
Bundeswehr im Kosovo - findet unter radikal veränderten Vorzeichen nicht nur in
unser aller Bewußtsein statt: Nach dem Krieg ist - künftig wieder - vor dem
Krieg!
Natürlich stehen der (gegen
geltendes Völkerrecht verstoßende) Luftkrieg der NATO und das Völkermorden
Hitlers nicht auf einer Ebene. Die Erfahrung aus 1939 bleibt gleichwohl
zutreffend: Angriff und Verteidigung, Terror und Freiheitskampf, Recht und
Schuld sind Siegerdefinitionen.
Leider muß ich es bei dieser
Feststellung bewenden lassen. Die Verleihung des Aachener Friedenspreises ist
nicht der geeignete Rahmen, um nochmals ausführlich auf die Frage einzugehen,
ob der Luftkrieg der NATO gegen Jugoslawien und im Kosovo wirklich unabwendbar,
das heißt tatsächlich ultima ratio war.
2. Das Versagen der Politik und ein Plädoyer für die Schaffung eine
Zukunftsrates
Der Aachener Friedenspreis will - so die Gründungserklärung des
Stiftungsvereins - "Frauen, Männer und Gruppen würdigen, die 'von unten
her' dazu beigetragen haben, der Verständigung der Völker und Menschen
untereinander zu dienen sowie Feindbilder ab- und Vertrauen aufzubauen".
Wenn ich also mit Blick auf den Grund unserer heutigen Zusammenkunft verzichte,
ausführlicher auf die Legitimation des NATO-Krieges einzugehen, so muß ich doch
einige Worte zum gegenwärtigen "Zustand" des Friedens selbst und
insbesondere zum aktuellen Stand des Friedens "von oben" sagen.
Frieden ist
ein politischer Prozeß. Er soll im Zusammenleben der Menschen und Völker der
Existenzerhaltung und -entfaltung dienen. Er ist die Voraussetzung dafür, daß
die Menschenrechte verwirklicht und Krieg, Gewalt, Ausbeutung, Armut, Hunger,
Unterdrückung verhütet bzw. beseitigt werden. Er soll ferner die natürlichen
Lebensgrundlagen und ihre Entwicklungsmöglichkeiten sowohl nutzen als auch für
kommende Generationen bewahren helfen. Friedensforschung, meine Profession,
kann entsprechend als der methodisch gelenkte Versuch verstanden werden, mit
Blick auf die gegenwärtigen und künftigen Lebensgrundlagen nach den Ursachen
und Gründen von Gewalt, insbesondere von Kriegen, zu fragen und nach Wegen
ihrer Überwindung, gegebenenfalls ihrer Vermeidung oder Eindämmung zu suchen.
Aus diesem Verständnis resultiert für mich u.a., daß Friedensforschung keine
Angelegenheit für den akademischen Elfenbeinturm, vielmehr Forschung für die
Betroffenen ist, sei es im unmittelbaren Sinne für die Opfer von Gewalt, Krieg,
Terror, Unterdrückung, Ausbeutung, sei es mittelbar im Sinne von Beratung und
Hilfe für die Friedensakteure.
An dieser
Stelle muß ich ein Geständnis machen: Bis vor einigen Monaten habe ich unter
Akteuren weniger den "Frieden von unten" verstanden als vielmehr
politische Entscheidungsträger, politisch Handelnde, politisch Verantwortliche,
also den "Frieden von oben". Die Ungeduld einerseits und die riesige
Dimension der tatsächlichen Friedlosigkeit andererseits verleiten auch
Wissenschaftler zu Hoffnungen hinsichtlich der Kraft und der Dynamik von
Politik, die in der Realität leider keinen Bestand haben.
In Wahrheit
hat sich bis heute keine der hochgesteckten Erwartungen, die an das Ende des
Ost-West-Konfliktes geknüpft waren, wirklich erfüllt. Im Gegenteil: Das
"neue Zeitalter des Friedens" erwies sich als voreilige Illusion.
Kollektive Gewalt entlud sich in mannigfachen Formen: als Verdrängungs- und
Aneignungskrieg, als Massenpogrom und Genozid, erwachsen aus ethnonationaler
Rivalität, Haß und Existenznot. Selbst in Europa führten die wenigen Jahre seit
dem Epochenwechsel zu einem Vielfachen an Kriegstoten im Vergleich zu den
Jahrzehnten davor. Kosovo ist das jüngste blutige Beispiel.
Aber selbst wenn man zu Unrecht das Kriegsmorden im zerfallenden
Jugoslawien als Nachwehen einer untergegangenen Ära abtut und ferner die
Dutzende weiterer Konflikte, die auch nach 1989/90 noch immer blutig
ausgetragen wurden und werden, als Betriebsunfälle ignoriert, von der Bildung
einer stabilen Friedensordnung "auf Dauer" oder von einem
unumkehrbaren Prozeß in Richtung auf Frieden im angeführten Sinne kann
gleichwohl nicht die Rede sein. Dazu der vormalige Bundespräsident Roman Herzog
in einer Rede am 10. Januar 1996:
"Wir sind weit entfernt von einer friedlichen Weltgesellschaft ...
Im Jahr 2025 werden 8,5 Milliarden Menschen ernährt und mit Energie versorgt
werden müssen. Dieser Bevölkerungszuwachs wird zu über 90 Prozent in den Entwicklungsländern
stattfinden. Die Vernichtung unserer natürlichen Lebensgrundlagen hält an.
Der Armutsgraben zwischen Nord und Süd droht breiter zu werden ... Zur umweltverträglichen
nachhaltigen Entwicklung gibt es heute keine Alternative mehr. Die globalen
Armuts- und Umweltprobleme sind nicht mehr national, sondern nur noch
multilateral zu lösen. Hunger und Unterernährung sind immer noch weit
verbreitet. Das können wir ebenso wenig hinnehmen wie die Verletzung elementarer
Menschenrechte. Wir werden die ökonomischen, ökologischen und sozialen
Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nur durch die Stärkung der internationalen
Zusammenarbeit meistern können."
Gerade aber diese im Zitat von Bundespräsident Herzog angemahnte
"internationale Zusammenarbeit" kommt nicht voran, läßt im Gegenteil
seit Ende des Ost-West-Konfliktes eher noch nach. Von der Aussicht auf eine
endgültige Beseitigung der Institution Krieg und von der Bildung einer stabilen
Friedensordnung "auf Dauer" oder von einem unumkehrbaren Prozeß in
Richtung auf Frieden im angeführten Sinne kann nicht gesprochen werden. Zu
viele existentielle politische, militärische, ökonomische, ökologische,
technologische und selbst auch ethische und anthropologische Fragen und
Probleme, Entwicklungen und Trends, Gefahren und Risiken, Fakten und Daten
belegen das Gegenteil.
Wer eigentlich hat angesichts der Fülle der im ausgehenden 20.
Jahrhundert zu bewältigenden und im friedensgefährdenden Sinne existentiellen
und grenzüberschreitenden Probleme noch den Überblick über ihre Gesamtheit und
Komplexität? Von der "Überbevölkerung" bis zum
"Waldsterben"? Von der Globalisierung bis zur Massenarbeitslosigkeit?
Vom Welthunger bis zur Armutsmigration? Von der Klimaveränderung bis zum
"Ozonloch"? Von der Desertifikation bis zum Artensterben? Vom kalkulierten
Super-GAU bis zum Terrorismus mit Massenvernichtungsmitteln? Vom "Krieg
um Wasser" bis zur "ethnischen Säuberung"? Vom Rüstungsexport
bis zum "Fundamentalismus"? Von der Veränderung des Menschenbildes
durch zivile Technologien bis hin zur Mißachtung der Menschenwürde durch sogenannte
Exotische Waffen?
Wer kennt die Vielschichtigkeit und Vernetztheit dieser und einer
Vielzahl weiterer Gefahren und Probleme, ihrer Ursachen und ihrer
Wechselwirkungen? Wer hat die Kraft, exponentielle Entwicklungen rechtzeitig
zu stoppen? Wer kann gigantische Risiken, latente Katastrophen, hyperfristige
Folgen in ein rationales Kalkül für eine friedliche Gegenwart und Zukunft
zusammenführen? Wer kann unter drastischem Zeitdruck die richtige
Entscheidung fällen? Wer besitzt die Legitimation, über Grenzen hinweg zu
entscheiden und zu handeln? Läßt sich das Knäuel der in- und miteinander
verwobenen Probleme überhaupt noch gewaltlos entwirren, ohne noch größere
Gefahren und Risiken heraufzubeschwören?
Fragen über Fragen! Existentiell! Schwindelerregend und erschreckend!
Nicht nur für diejenigen, die den obersten Leitsatz unserer Verfassung ernst
nehmen: "Die Würde des Menschen ist unantastbar".
Wer aus der politischen Klasse kann die angeführten und ähnliche Fragen
eigentlich beantworten? Wenige? Gar keiner? Wer befaßt sich überhaupt mit
ihnen? Auch keiner?
"Ich bin
besorgt, daß die Welt allenthalben aus den Fugen gerät und daß die politische
Klasse nicht willens und fähig ist, dem entgegenzusteuern".
Wer dies vor einigen Monaten sorgenvoll sagte, ist Altbundeskanzler
Helmut Schmidt - mittlerweile 80 Jahre alt, für viele Menschen aber noch immer die herausragende Symbolfigur
politischer Führungs- und Leistungsfähigkeit, vielleicht die letzte.
Hat Helmut Schmidt Recht? Trifft seine Besorgnis zu?
Würde es neben Globalisierung und Massenarbeitslosigkeit,
Überbevölkerung und Welthunger, Artensterben und Klimaveränderung, Ozonloch und
Ressourcenverknappung, Terrorismus und Fundamentalismus und vielem anderem mehr
noch eines weiteren Beleges bedürfen, das europäische Sicherheitssystem nach
1989/90 und der jüngste Krieg im Kosovo würden ihn liefern.
"Ich
fühle mich wie Kassandra! Seit Jahren warne ich vor der Katastrophe im
Kosovo!"
Hans Koschnick, der in den vergangenen Wochen mit diesen oder ähnlichen
Worten immer wieder und wieder seiner Verzweiflung Luft machte, war vormals
Bürgermeister von Bremen und EU-Administrator von Mostar. Ein renommierter
Politiker also und ein erfahrener Balkan-Experte. Gehört wurde aber selbst er
nicht. Warum?
Weil die politische Klasse letztlich doch nicht friedensfähig ist, das
heißt nicht fähig, die Kunst des Möglichen, des Machbaren mit dem Vernünftigen
zu verbinden? Hat die amerikanische Wissenschaftlerin Barbara Tuchman also
recht, wenn sie von der "Torheit der Regierenden" spricht? "In
der Regierungskunst", so Tuchman, "bleiben die Leistungen der
Menschheit weit hinter dem zurück, was sie auf fast allen anderen Gebieten
vollbracht hat. Weisheit kommt in dieser Sphäre weniger zur Geltung, und ihre
Wirkung wird häufiger vereitelt, als es wünschenswert wäre."
Die Historikerin Tuchman meint die Torheit der Regierenden "von
Troja bis Vietnam". Sie hätte ihre Aussage aber genauso gut auf die
gegenwärtige Sicherheitspolitik in Europa, ja auf die aktuelle Weltordnung
beziehen können.
Was ist die Konsequenz? Wissenschaft kann analysieren, kritisieren,
vordenken, warnen. Sie kann Alternativen und Optionen aufzeigen. Sie kann
Ratschläge geben. Ob diese Vorschläge dann von der Politik aufgenommen und
umgesetzt werden, entzieht sich weitgehend ihrem Einfluß. Die Frage nach der
Machbarkeit des "Friedens von oben" ist deshalb in letzter Konsequenz
an das Politische System und seine Politiker und Politikerinnen zu richten.
Gemeint ist das demokratische System, wie wir es kennen. Es wird der Bewältigung
der großen existentiellen Probleme nicht mehr gerecht. Es muß moderner und
effizienter werden. Gibt es eine Demokratie jenseits der Demokratie, wie wir
sie kennen?
Mit dieser Frage schließt sich allerdings der Teufelskreis. Voraussetzung
von Friedensfähigkeit ist die Existenz unabhängiger Politiker und
Politikerinnen, deren Aufgaben darin bestehen, friedensfähige Strukturen zu
bauen und frei vom jeweiligen Tagesgeschehen, von parteipolitischen
Interessen oder von sonstigem taktischen Kalkül am Funktionieren zu halten.
Auf dem Weg zur Friedensfähigkeit und zur Machbarkeit von Frieden sollte
deshalb begonnen werden mit einer parteiübergreifenden öffentlichen
Diskussion und Neubewertung der Qualitäten von Politikern und Politikerinnen
und deren Profil inklusive deren Auswahlverfahren, ferner der Überwindung
des Prinzips der politischen Allzuständigkeit und des Generalistentums und
schließlich und vor allen Dingen der Einrichtung von Expertenmandaten für
Friedens- und Zukunftspolitik und der Schaffung eigenständiger ordnungspolitischer
Institutionen, die dem Druck kurzfristiger Interessen entzogen sind.
Warum eigentlich gibt es keinen "Zukunftsrat" zusätzlich zu
dem Generalistenparlament, das wir haben und das wir wohl auch weiterhin
benötigen? Einen "Zukunftsrat" ausschließlich für existentielle
Fragen, einerseits gewählt und damit demokratisch legitimiert, andererseits
zusammengesetzt aus Experten und Expertinnen und damit ausgestattet mit dem
Wissen, Alternativen zu suchen und zu finden, ferner nicht wiederwählbar und
damit möglichst frei von sachfremden Interessen, und schließlich versehen mit
einem Vetorecht und damit mit der Kompetenz, notfalls Politik, Forschung,
Medien und Kapital in den Arm zu fallen?
Oder ist der Zeitpunkt auch für diese Chance bereits verpaßt?
Möglicherweise kann selbst ein solcher Zukunftsrat oder eine vergleichbare
Institution den rasenden Zug nicht mehr aufhalten. Wer weiß es mit Sicherheit?
3. Die Hoffnung auf einen
"Frieden von unten"
Was also ermutigt mich, und wenn ich Sie mit einbeziehen darf - uns
alle, die wir heute zusammengekommen sind - noch immer, wie Sisyphos
fortzufahren im tagtäglichen Scheitern? Es ist das Beispiel, das die Frauen und
Männer geben, die Frieden "von unten her" schaffen. Ihre
Menschlichkeit. Ihre Hilfsbereitschaft. Ihr Gerechtigkeitssinn. Ihre Dynamik
und Kraft. Und immer wieder ihre Selbstlosigkeit und ihre Zivilcourage.
Dies gilt insbesondere für die beiden Organisationen, deren Arbeit wir
heute würdigen: für die "Peace Brigades International (PBI)", die
Internationalen Friedensbrigaden, die den Internationalen Aachener
Friedenspreis 1999 bekommen, und für das "Wanderkirchenasyl in NRW",
das den Nationalen Aachener Friedenspreis 1999 erhält.
Die 1981 gegründeten "Peace Brigades International" sind eine
wohl einzigartige, basisorientierte Organisation. Sie bieten internationale
Begleitung als Schutz für Personen und Organisationen, die im jeweiligen Lande
von politischer Gewalt bedroht oder anderweitig gefährdet sind. Die
Internationalen Friedensbrigaden selbst sind unparteiisch und mischen sich in
die inhaltliche Arbeit der von ihnen begleiteten Personen oder Gruppen vor Ort
nicht ein. Durch ihre nichtparteiische, aber eben doch aktive Begleitung
erreichen die Friedensbrigaden, daß der Handlungsspielraum lokaler Aktivisten
und Aktivistinnen erweitert wird und deren Engagement für soziale Gerechtigkeit
und die Einhaltung der Menschenrechte Aussicht auf Erfolg bekommt.
Das Konzept, durch Friedensbrigaden gewaltfrei in Konflikten zu
intervenieren, geht unter anderem auf Mahatma Ghandi zurück. Aktuell wird es
der Tatsache gerecht, daß am Übergang vom 20. zum 21. Jahrhundert die meisten
der akuten oder potentiell gewaltsamen Konflikte der Welt keine
zwischenstaatlichen, sondern Konflikte innerhalb bestehender Staaten sind.
Diese Tatsache hat - wie in der Friedensforschung immer wieder betont -
konflikttheoretische und politische Konsequenzen: Der Erfolg von
Krisenprävention und ziviler Konfliktregelung auf Dauer hängt von zweierlei ab:
Erstens davon, daß es innerhalb des jeweiligen Konflikt- und Krisenszenarios
eine hinreichende Zahl von Akteuren und Kräften gibt, die sich gegen Gewalt und
für friedliche Lösungen einsetzen; zweitens davon, daß von außen zusätzliche
Friedensbemühungen kommen und zwar mit der Absicht, in erster Linie die
internen Akteure und Kräfte zu unterstützen.
Die Internationalen Friedensbrigaden, die wir heute ehren, leisten
diese so dringend erforderliche Unterstützungsarbeit seit 1981 mit inzwischen
mehr als fünfhundert Freiwilligen: in Guatemala, Nordamerika, Haiti, Chiapas,
auf dem Balkan und vor allem in Kolumbien. Sie begleiten gefährdete Personen,
rund um die Uhr, 24 Stunden am Tag. Sie sind anwesend in den Büros bedrohter
Organisationen. Sie halten Nachtwachen bei Opfern von Menschenrechtsverbrechen
in Krankenhäusern. Sie begleiten Flüchtlinge in ihre Heimat zurück. Sie
beobachten Wahlen und Demonstrationen. Ihre Aktivitäten zusammengefaßt, läßt
sich die Friedensarbeit der Internationalen Friedensbrigaden in drei Funktionen
zusammenführen: Zum einen lenken sie das Augenmerk der nationalen und
internationalen Öffentlichkeit auf akute und potentielle Gefahrenkonflikte. Zum
anderen schützen sie durch ihre bloße physische Präsenz auf absolut gewaltfreie
Weise gefährdete Menschen und Gruppen. Der Preis ist allerdings die Gefahr, die
sie dabei für sich selbst eingehen. Gerade darin liegt aber eine dritte - und
wie ich meine: nicht die unwichtigste - Funktion. Auch wenn die Internationalen
Friedensbrigaden nicht Partei ergreifen, so teilen sie durch ihre Präsenz doch
die Angst und die Gefahr der Menschen vor Ort, ermuntern und motivieren sie
damit, in ihren gewaltfreien Aktivitäten fortzufahren. Wer könnte diesen
couragierten und engagierten Menschen seine Hochachtung versagen? Ich könnte
mir keine würdigeren Träger des Internationalen Aachener Friedenspreises 1999
vorstellen.
Mehr noch: Die Arbeit der Internationalen Friedensbrigaden verdient es,
auch über den heutigen Tag und über den Aachener Friedenspreis hinaus - und
zwar politisch - gewürdigt zu werden. Wir alle, insbesondere aber die
"Politik von oben", sollten die Internationalen Friedensbrigaden mit
ihrem "Engagement von unten" zum Beispiel nehmen, sollten Lehren und
Konsequenzen ziehen. Der Krieg im Kosovo beispielsweise wäre vermutlich zu
verhindern gewesen, wenn Europa und gerade auch Deutschland den Präsidenten der
Kosovo-Albaner, Rugova, in seinem gewaltfreien Widerstand entschiedener von
außen unterstützt hätten. Die gegenwärtige Anarchie im Kosovo wiederum, die
Vertreibung der Serben und Roma, das Morden, Plündern und Brandschatzen wäre
sogar mit Sicherheit zu vermeiden bzw. zu beenden, wenn Mittel nicht nur für
Militär und Waffen, sondern eben auch für die Umsetzung von Konzepten ähnlich
denjenigen der Friedensbrigaden zur Verfügung stünden. Lassen Sie uns deshalb
endlich damit beginnen, wenigstens die europäische Friedens- und Sicherheitsordnung
vom Kopf auf die Füße zu stellen. Die Militärallianz NATO, deren Mitglieder nur
ein Zehntel der Staatengemeinschaft dieser Welt ausmachen, geben über fünf
Achtel der Weltmilitärausgaben aus. Es gelingt der NATO gleichwohl nicht,
Völkermord und Krieg zu verhüten - weder in Europa, schon gar nicht weltweit.
Was wir dringend brauchen, ist nicht etwa die Erhöhung der Wehretats oder ein
Wettrüsten mit uns selbst, wie es die NATO und insbesondere die USA fordern.
Was wir zur Bewältigung von Konflikten, wie die auf dem Balkan, im Kaukasus
oder im kurdischen Teil der Türkei dringend benötigen, ist vielmehr die
Stärkung der zivilen Komponenten von Frieden und Sicherheit. Nochmals: Das
völlig überrüstete und gleichwohl defizitäre und wenig effiziente
Sicherheitssystem in und für Europa muß vom Kopf auf die Füße gestellt werden.
Mit dem Stichwort Türkei bzw. dem Kurdenkonflikt komme ich zum
Nationalen Aachener Friedenspreis. Er geht 1999 an das "Wanderkirchenasyl
in NRW".
Im Wanderkirchenasyl finden 400 kurdische Flüchtlinge - alles
abgelehnte Asylbewerber - in immer wechselnden Kirchengemeinden Zuflucht und
Schutz vor der Gefahr des staatlichen Zugriffs. Unterstützt wird das
Wanderkirchenasyl von heute mehr als hundert evangelischen und katholischen Kirchengemeinden
in Nordrhein-Westfalen, zusammengeschlossen im Ökumenischen Netzwerk Asyl in
der Kirche in NRW, ferner von der bundesweiten Kampagne "Kein Mensch ist
illegal". Anders als viele der sonstigen abgelehnten Asylbewerber haben
sich die 400 kurdischen Flüchtlinge entschieden, nicht in die Illegalität zu
gehen, sondern bewußt und nachdrücklich, wenngleich auch beherbergt in immer
wechselnden Kirchengemeinden, gegen die Abschiebung aus der Bundesrepublik
Deutschland zu protestieren. Ziel der Menschen im Wanderkirchenasyl ist zum
einen der Abschiebestopp für alle türkischen Kurden, zum anderen das
Bleiberecht für alle Menschen, die sich im Wanderkirchenasyl befinden.
Um die Funktion und die Leistung des Wanderkirchenasyls richtig zu
begreifen, muß man wissen, daß etwa 22 Millionen Kurden als Minderheit in einem
Raum leben, der sich etwa zur Hälfte auf die Türkei und im übrigen auf Iran,
Irak, Syrien und Armenien erstreckt. Der überwiegende Teil der Kurden (12
Millionen) lebt in der Türkei. Das entspricht etwa einem Fünftel der gesamten
türkischen Bevölkerung. Ein vertraglich festgelegter Minderheitenstatus
existiert für die Kurden gleichwohl nicht. Im Gegenteil führt seit fünfzehn
Jahren das türkische Militär einen Krieg gegen die Kurden im Südosten der Türkei,
dem bis heute ca. vierzigtausend Menschen zum Opfer gefallen sein sollen.
Ferner sollen ca. 4.000 Dörfer zerstört und etwa drei bis vier Millionen
Menschen aus ihrer Heimat vertrieben worden sein. Viele von ihnen haben in
europäischen Ländern, darunter auch in der Bundesrepublik Deutschland, um Asyl
nachgesucht.
Warum bekommen 4,5 Millionen Kroaten, zwei Millionen Slowenen und
vielleicht auch 1,8 Millionen Kosovo-Albaner einen eigenen Staat oder zumindest
weitgehende Autonomierechte, nicht aber 22 Millionen Kurden? Warum werden
kurdische Flüchtlinge in der Bundesrepublik Deutschland noch immer als
Asylbewerber abgelehnt und abgeschoben oder aber in die Illegalität gedrängt,
obwohl Menschenrechtsorganisationen wie amnesty international, medico-international
oder pro-asyl immer wieder auf die Gefährdung kurdischer Flüchtlinge durch
schwerste Menschenrechtsverletzungen wie Folter in der Türkei hinweisen. Weil
zwölf Millionen Kurden in der Türkei und damit in der sogenannten
"Werte"-Gemeinschaft NATO leben? Es ist die Bigotterie, die doppelte
Moral, die Heuchelei der Politik und nicht die Ungerechtigkeit allein, die
Menschen in die Verzweiflung treibt, zu Fanatikern werden läßt - bis hin zum
Terror gegen sich selbst und gegen andere.
Wer letzteres verhindern will, muß erkennen, daß die Gewährung des
Kirchenasyls und mit ihm der sogenannte "zivile Ungehorsam"
möglicherweise nicht legal ist, durchaus aber legitim sein kann. Wer selbst
dieses bestreitet, muß aber doch eingestehen, daß es zumindest das kleinere
Übel ist. Mit Burkhard Hirsch bin ich übrigens der Meinung, daß diejenigen
nicht Recht haben, die behaupten, der "zivile Ungehorsam" sei in
keinem Fall legitim. "Denn manchmal sind es eben die Gesetze, die zwar
legal, aber nicht legitim sind. Ebenso wie die Minderheit verpflichtet ist, die
Mehrheitsentscheidungen als geltendes Recht zu akzeptieren, ist die Mehrheit in
einer funktionierenden Demokratie verpflichtet, nicht einfach ihre Mehrheit
durchzusetzen, sondern sehr genau zu prüfen, ob sie dabei vitale Interessen der
Minderheit oder ethische Grundsätze der Gesamtheit verletzt."
Mit dem Richter am Bundesgerichtshof Joachim Wentzel bin ich ferner der
Meinung, daß der Rechtsstaat durch das Kirchenasyl nicht in Frage gestellt
wird. "Der Ungehorsam erfolgt nicht des persönlichen Vorteils wegen,
sondern um einer "besseren" Gerechtigkeit willen. Was immer wir
hierüber in Geschichte, Gegenwart und Zukunft denken und formulieren - es
bleibt ein Thema von Recht und Gewissen, von Unrecht und Widerstehen und damit
letztlich nur eine Variation zum Gebot der Nächstenliebe."
Recht verstanden, ist das Kirchenasyl und damit auch das
Wanderkirchenasyl nicht nur ein Dienst an den abgelehnten Asylbewerbern, den
flüchtenden Kurden. Es ist vielmehr auch ein Dienst an der eigenen Gesellschaft
- sei es im moralischen und ethischen Sinne, sei es mit Blick auf die Verhütung
der bereits angeführten Verzweiflungstaten und ihrer gewaltsamen Eskalation.
Richtig ist aber auch, daß ein Kirchenasyl immer nur eine Lösung auf Zeit sein
kann. Für den Bereich des deutschen Asylrechtes heißt dies, daß sich eine neue
Mehrheit finden muß - und ich zitiere nochmals Burkhard Hirsch -, um
"wenigstens die gröbsten Verstöße gegen humanitäre Grundsätze zu
revidieren. Es muß möglich werden, humanitär richtige Entscheidungen zu
treffen, wo das nötig ist, um Flüchtlinge vor einem ungewissen Schicksal zu
bewahren." Für die Bewältigung der Konfliktursachen in der Türkei selbst
verlangt dies ferner eine neue Außenpolitik Deutschlands und der Europäischen Union.
Der Wunsch der Türkei, in die Europäische Union aufgenommen zu werden, muß
nachdrücklicher als bisher als Schlüssel genutzt werden, um das Land zu einer
Minderheiten- und Menschenrechtspolitik nach europäischen Standards zu bewegen.
Es ist das Verdienst des Wanderkirchenasyls, Flüchtlinge über viele
Monate hinweg vor der Abschiebung bewahrt zu haben. Es ist aber auch das
Verdienst des Wanderkirchenasyls, uns allen den asylrechtlichen Spiegel bzw.
seine vielen blinden Flecken vor Augen zu halten. Und es ist schließlich das
Verdienst des Wanderkirchenasyls, uns immer wieder auf die
Menschenrechtsverletzungen in der Türkei und auf die Notwendigkeit einer neuen
Politik gegenüber diesem NATO-Partner und potentiellen EU-Mitglied hinzuweisen.
Ich vermute, die im Wanderkirchenasyl zusammengeschlossenen Menschen sehen es
nicht als Einschränkung, wenn ich zusammenfassend sage: Die Verleihung des
Nationalen Aachener Friedenspreises 1999 ist die Würdigung der großen
Verdienste des "Wanderkirchenasyls NRW". Lassen Sie uns die
Verleihung des Friedenspreises an eben diesen eingetragenen Verein aber auch
als Aufforderung an uns alle verstehen, nicht locker zu lassen in unseren
Bemühungen gegenüber der neuen Bundesregierung, eine neue Handhabung des
Asylrechtes und eine neue Politik gegenüber der Türkei einzufordern.