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Das Streben nach Respekt.

Eine Untersuchung der sozio-emotionalen Dimension in Russlands Beziehungen zum Westen

In der Ukraine betreibt Russland derzeit eine sehr kostspielige Politik: Die Annexion der Krim durch Moskau im April 2014 und die verdeckte militärische Operation in der Ostukraine hat nicht nur politisch zu einer dramatischen Verschlechterung der Beziehungen mit dem Westen geführt, sondern auch wirtschaftliche Konsequenzen gezeitigt. Die Frage nach den Zielen russischer Außenpolitik ist wieder hochaktuell geworden. Vielfach wird angeführt, dass es der russischen Führung nur oder nicht vorrangig um die Wahrung territorialer Einflussgebiete im postsowjetischen Raum geht, sondern insbesondere auch um die Aufrechterhaltung eines besonderen Status in der Region und in der Weltpolitik insgesamt. Das vorliegende Forschungsprojekt greift diese These auf und versucht herauszufinden ob und in welcher Weise die russische Außenpolitik gegenüber dem Westen auf das Bedürfnis der herrschenden Elite zurückgeht, Russlands Status in den internationalen Beziehungen und damit ihr eigenes Bild von Russland als internationalem Akteur anerkannt und respektiert zu sehen. Insofern sehen wir Außenpolitik nicht überwiegend oder gar ausschließlich durch rationale Überlegungen (Machtzuwachs, Ergebnis von Machtkämpfen innerhalb von Gruppen in Russland selbst) oder soziale Normen motiviert, sondern identifizieren ein weiteres Moment, das sich außerhalb der konventionellen IB-Paradigmen bewegt. Unsere Annahmen fußen auf Erkenntnissen der Sozialpsychologie, der Identitätstheorie und jüngsten Ergebnissen aus der Emotionsforschung. Sie alle legen nahe, dass Respekterwartungen und Statusanliegen in den internationalen Beziehungen eine emotionale Komponente aufweisen, indem sie in emotionale Bewertungen und Erwartungen darüber eingebettet sind, wie wir von unserem Gegenüber behandelt werden wollen. Wir formulieren die Hypothese, dass im Falle Russlands der Faktor Respekt immer dann relevant ist, wenn das Selbst-Konzept und die darin enthaltene Statusdefinition der herrschenden Elite durch westliche Interaktionspartner in Frage gestellt wird. Das Projekt reagiert mit dieser Fokussierung auch auf ein gegenwärtig zu beobachtendes Revival von Emotionen in den Internationalen Beziehungen (IB).

Veröffentlichungen

Heller, Regina. 2016. Russlands Machtpolitik in Syrien – (k)eine Frage der Kosten. In: Friedensgutachten 2016, hrsg. von Margret Johannsen, Bruno Schoch, Max M. Mutschler, Corinna Hauswedell, Jochen Hippler, 232-245. Berlin: LIT.
Heller, Regina 2014. Annäherung in der Sackgasse. Russland und der Westen zehn Jahre nach der Osterweiterung. In: Reader Sicherheitspolitik, August 2014
Forsberg, Tuomas, Regina Heller, Reinhard Wolf. 2014. Status and emotions in Russian foreign policy. Communist and Post-Communist Studies 47 (3-4): 261-268. DOI: 10.1016/j.postcomstud.2014.09.007.
Heller, Regina. 2014. Russia's quest for respect in the international conflict management in Kosovo. Communist and Post-Communist Studies 47 (3-4): 333–343. DOI: 10.1016/j.postcomstud.2014.09.001.
Heller, Regina. 2013. Wenn Status zur fixen Idee wird. Russland – zur Großmacht verdammt?. Osteuropa 63 (8): 45-58.
Heller, Regina. 2012. Subjectivity Matters. Reconsidering Russia’s Relations with the West. In: Russia & European Security, hrsg. von Roger E. Kanet, Maria R. Freire, 45-78. Dordrecht: Republic of Letters Publishing.