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Trumps Mauerphantasien jetzt auch im Weltall? Aktuelle Stellungnahme

US-Präsident Trump favorisiert nun auch eine Raketen-Abwehr im Weltraum. Warum der Plan nicht nur teuer, sondern auch gefährlich ist: Eine Stellungnahme zur neuen „Missile Defense Review“ von Götz Neuneck, stellvertretender wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH):

 

Am 17. Januar 2019 wurde nach fast anderthalbjähriger Verzögerung der vom US-Kongress mandatierte „Missile Defense Review“ (MDR) des Pentagon veröffentlicht. Das Dokument beinhaltet, basierend auf einer vagen Bedrohungsanalyse, eine drastische Erweiterung der vorhandenen Raketenabwehrelemente der USA.

 

Als Donald Trump im Pentagon die neuen Leitlinien für die künftige US-Raketenabwehr vorstellte, betonte er, dass es das Ziel der USA sei „sicherzustellen, dass wir jede Rakete, die gegen die USA gestartet werde, überall, zu jeder Zeit und an jedem Ort aufspüren und zerstören können“. Damit knüpft Trump an die Vision des ehemaligen US-Präsidenten Ronald Reagan an. Dieser hatte in den 80er Jahren die „Strategic Defense Initiative“ lanciert, besser bekannt als SDI oder „Star Wars“. Nunmehr soll auch der Weltraum als „neuer Kriegsschauplatz“ einbezogen werden ebenso wie die Verteidigung gegen neue Trägersysteme wie Marsch- und Hyperschallflugkörper. Diese vollmundigen, extrem teuren und technisch bisher kaum umsetzbaren Ziele finden sich in etwas eingeschränkter Form im Text des MDR wieder.

 

Trump hob nur den Iran namentlich als konkrete Bedrohung hervor. Der MDR erwähnt hingegen des Öfteren Staaten wie Nordkorea und Iran, Russland und China. Auch findet sich in dem Pentagon-Dokument ca. 64 Mal der Begriff „rogue states“ wieder. Das Wort hatte in der Amtszeit von Bush Junior für die Probleme in Sachen Irak, Nordkorea und Iran gesorgt und diplomatische Lösungen diskreditiert.

 

Trump stößt mit seinen übertriebenen Bemerkungen rhetorisch die Tür zu einem neuen sowohl teuren wie auch gefährlichen Offensiv-Defensiv-Wettrüsten mit Russland und China auf. Viel Geld wird in einige Programme wie in ein Schwarzes Loch geworfen. (Details siehe unten). Insbesondere für den US-Steuerzahler wird dies teuer. Die USA haben seit Jahrzehnten über 300 Milliarden US-Dollar mit zweifelhaftem Erfolg für ihre umfassenden Raketenabwehrpläne ausgegeben. Wissenschaftler und dutzende Studien haben stets auf die technologischen und finanziellen Risiken der US-Regierungspläne hingewiesen, die insbesondere unter republikanischen Präsidenten ausgeweitet wurden. Die Erfolgsraten der Abwehrtests konnten nicht überzeugen.(1) Bisher gab es keine Tests unter realistischen operativen Bedingungen. Potentielle Gegner haben recht einfache technische Möglichkeiten, die Raketenabwehr zu umgehen.(2)

 

Eine weitere Gegenstrategie ist die Herstellung von mehr Raketen, um die Abwehr zu überfordern oder zu sättigen. Dies ist eine Aufforderung für forcierte Raketenentwicklungen: Ein Wettrüsten ist damit vorprogrammiert. Insbesondere die Aussagen von Trump, „alle Raketen überall, zu jeder Zeit und an jedem Ort“ abfangen zu wollen, stehen im Widerspruch zu der „National Security Strategy 2017“, in der es auf S. 8 heißt: „Verstärkte Raketenabwehr ist nicht beabsichtigt, um die strategische Stabilität oder die langandauernden strategischen Beziehungen mit Russland und China zu untergraben.”(3)

Der „Missile Defense Review“ verstärkt vorhandene Elemente wie das „Ground Based Midcourse Defense System“ (GMD), das „Terminal High Altitude Area Defense“ (THAAD) oder Aegis-Programm. Es bezieht verstärkt den Weltraum und neue Abwehrkonzepte (F-35 und UAVs, unmanned aerial vehicles) mit ein, fördert neue Technologien (LASER) und verwirft jegliche Rüstungskontrolllösungen.(4) So wird künftige nukleare Abrüstung im Rahmen der existierenden Rüstungskontrollvereinbarungen extrem erschwert und auch der Weltraum als Kampfgebiet einbezogen. Zudem sollen Alliierte und Partner geschützt und dafür „zur Kasse gebeten“ werden. Insgesamt erweitert die Trump-Regierung die Bandbreite für teure und destabilisierende Entwicklungen, die die Gefahr von neuem Wettrüsten forcieren.

 

Einige der angesprochenen Punkte im Detail, beginnend mit den bereits existierenden Elementen der US-Raketenabwehr :

 

  1. Das 67 Mrd. US-Dollar teure „Ground-based Midcourse Defense System“ (GMD), das zum Schutz der USA in Alaska und Kalifornien aufgestellt wurde, soll erweitert werden. Zum einen soll eine dritte Abwehrstellung hinzukommen, zum anderen sollen 20 „Ground-based Interceptors“ (GBI) angeschafft werden, was die Zahl der Abfangraketen von derzeit 44 auf 64 im Jahr 2023 erhöhen würde.  Auch soll ein „Kollisionsflugkörper“ entwickelt werden, der gleich mehrere Sprengköpfe im Weltall zerstören kann (MKV, multiple kill vehicle). Von den 18 bisherigen Tests sind ca. die Hälfte als erfolgreich gewertet worden, was einer Effizienz von 50% entspricht. Die Tests wurden bisher allerdings nicht unter realistischen Bedingungen durchgeführt und sie haben keine seriösen Gegenmaßnahmen einbezogen. Insbesondere China und Russland werden dies als weiteren Schritt zur Unterminierung der strategischen Stabilität ansehen und weitere Abrüstung blockieren.
  2. Die Zahl der Abfangraketen der regionalen Raketenabwehr der Aegis-Schiffe und des THAAD-Systems soll erhöht werden. Die US Navy verfügt über ca. 85 Aegis-Schiffe, von denen 35 mit Raketenabwehr-Fähigkeiten ausgestattet sind. Die Abfanggebiete der SM-3 Block I Rakete beträgt einige hundert Kilometer. 2019 soll die SM-3 Block II Abfangrakete eingeführt werden, die die USA zusammen mit Japan entwickelt.(5) Die Zahl der schnelleren SM-3 Block II Interzeptoren könnte in den 2020er Jahren auf 300-400 steigen. Gleichzeitig sollen die SM-3 Block IIA Interzeptoren 2020 gegen Interkontinentalraketen getestet werden. Der „National Defense Acquisition Act“ hatte dies nur erlaubt, falls dies „technologisch“ möglich ist. Diese Erweiterung ist Wasser auf die Mühlen Russlands, denn es bedeutet im Erfolgsfall, dass die Interzeptoren in Europa auch auf dem Land (konkret in Polen und Rumänien) stationiert und gegen russische ICBM gerichtet werden können. Eine Zunahme der THAAD-Interzeptoren und der im Pazifik operierenden Aegis-Schiff dürfte sicher auch China ein weiteres Mal beunruhigen.(6) Die regionalen Aegis-und THAAD-Systeme bilden einen zweite Abwehrschicht. Sie können Stadtareale schützen und fangen anfliegende Sprengköpfe in den hohen Luftschichten ab.
  3. Die US-Abfangmethode fußt auf der Hit-to-Kill-Technologie in der relativ langen Mittelflugphase von angreifenden Raketen insbesondere im Weltraum.(7) Ein Alternativkonzept ist der „Boost-Phase-Intercept“ (BPI), bei dem die Rakete bereits in der Startphase abgefangen werden soll. Dazu soll ein Interzeptor für das neue Kampfflugzeug F-35 entwickelt werden. Auch könnten Drohnen (UAVs, unmanned aerial vehicles), die mit einem Laser bestückt sind, eingesetzt werden.(8) Eine Studie der National Academy of Sciences aus dem Jahr 2012 hatte diese Konzept als „nicht praktikabel und durchführbar“ bezeichnet.(9) Die Nutzung eines Hochenergielasers zur Raketenabwehr an Bord einer Boeing 747 („Airborne Laser“) wurde im Jahre 2010 eingestellt. Beim Irak-Krieg 1991 gelang es den irakischen Raketenstreitkräften, ihre Startgeräte erfolgreich zu verstecken. Der Erfolg von BPI hängt entscheidend von erfolgreicher Frühwarnung und der räumlichen Nähe und Präsenz der luftgestützten Abwehrsysteme ab.
  4. Der „Missile Defense Review“ bezieht nun auch Angriffe auf gegnerische Raketenstellungen vor dem Start („prior to launch“) ein. Beim Irak-Krieg 1991 gelang es den irakischen Raketenstreitkräften ihre Startgeräte erfolgreich zu verstecken. Ein direkter Angriff auf noch nicht gestartete Raketen setzt voraus, dass die Abschussorte bekannt sind. Völkerrechtlich ist dies im Kriegsfalle (präemptiv) erlaubt, nicht jedoch präventiv in Friedenszeiten. Insbesondere konventionelle Präzisionsschläge mit Marschflugkörpern oder anderen Abstandsflugkörpern schweben den Planern hier vor.
  5. Die „Missile Defense Review“ bezieht nicht mehr alleine nur den Abfang von ballistischen Raketen mit ein, sondern auch den Schutz vor Marsch- und Hyperschallflugkörpern. Marschflugkörper (CM, Cruise Missiles) fliegen, kontinuierlich durch eine Turbine angetrieben, recht langsam innerhalb der Atmosphäre in niedriger Höhe und sind deshalb schwer abzufangen. Sie können allerdings von Flugzeugen, Schiffen oder U-Booten abgeschossen werden. CMs können manövrieren und unterschiedliche Flugbahnen nutzen, was die Verteidigung erschwert. Bisher ließ sich ein umfangreicher Schutz der USA nicht realisieren. Der russische Präsident Wladimir Putin hat selbst am 1. März 2018 die Entwicklung von nuklear-betriebenen und luftgestützten Flugkörpern angekündigt. Auch soll die Verteidigung gegen Hyperschallflugkörper miteinbezogen werden. Zu bedenken ist, dass dies Trägersysteme dennoch langsamer sind als Langstreckenraketen. Die USA sind auf diesem Gebiet führend, fühlen sich aber durch China und Russland herausgefordert. Wie ein Schutz gegen solche futuristischen Systeme aussehen soll, ist nicht bekannt.
  6. Trump bezeichnet in seiner Rede den Weltraum als „warfighting domain“. Bereits zuvor war er für die Bildung einer eigenen „Space Force“ als neue Teilstreitkraft eingetreten. Die MDR liefert die Begründung dafür und beschreibt künftige Bedrohung und die Aktivitäten Russlands und Chinas. Eine Konsequenz ist die Entwicklung eines Sensornetzwerkes im Weltraum zum Aufspüren von anfliegenden Raketen. Ein Vorgängersystem der USA in niedriger Umlaufbahn war nicht erfolgreich. Die technologischen Herausforderungen sind horrend. Auch soll eine Studie von weltraumgestützten Interzeptoren durchgeführt werden. Dies birgt die Gefahr einer Bewaffnung des Weltraums in sich. Der Weltraumvertrag von 1967 verbietet lediglich die Stationierung von Massenvernichtungswaffen im Weltall.

 


1 So lagen die Erfolgsquoten der ca. 18 Abwehrtests des 67 Mrd. US-Dollar teuren GMD-Abwehrsystems, das eine begrenzte Abwehrfähigkeit gegen Raketen aus Nordkorea oder Iran haben sollte, bei 50 Prozent. Beim regionalen Aegis-System im Falle SM-3 Block IA liegt die Abfangquote bei 82% höher, bei der Block IIA bei 33%. Siehe: George Lewis, Frank von Hippel: Improving U.S. Ballistic Missile Defense Policy, in: Arms Control Today, May 2018.

2 Beispiele für sog. Gegenmaßnahmen sind Sprengkopfattrappen, Aerosole, Trümmerwolken, Metallstreifen, die zusammen mit dem echten Sprengkopf in der Mittelflugphase der angreifenden Rakete ausgebracht werden. Siehe dazu: Andrew M. Sessler et al.: Countermeasures: A technical Evaluation of the Operational Effectiveness of the Planned U.S. NMD System, Union of Concerned Scientists, April 2000, S.35-37.

3 “Enhanced missile defense is not intended to undermine strategic stability or disrupt longstanding strategic relationships with Russia or China.” National Security Strategy 2017, S.8.

4 “Consequently, the United States will not accept any limitation or constraint on the development or deployment of missile defense capabilities needed to protect the homeland against rogue missile threats.” Missile Defense Review 2019, S. IX.

5 Japan besitzt 6 Aegis-Schiffe und plant zwei weitere anzuschaffen. Auch hat die Regierung angekündigt, angesichts der nordkoreanischen Bedrohung zwei Landstellungen „Aegis Ashore“ anzuschaffen.

6 THAAD-Abwehrbatterien sind in Südkorea und Guam stationiert. Insgesamt sind 7 Batterien geplant.

7 Im Wesentlichen ist dies eine Kombination von Frühwarnsatelliten, Bahnverfolgungs- und Leitradars und Abfangflugkörpern, die an ihrer Spitze einen Kollisionsflugkörper ins Ziel bringen, der den anfliegenden Sprengkopf durch Kollision zerstört. 

8 Das Pentagon hat mit der Entwicklung eines „Low-Power Laser Demonstrators“ bereits begonnen.

9 “Boost-phase missile defense—whether kinetic or directed energy, and whether based on land, sea, air, or in space—is not practical or feasible.” National Research Council, Making Sense of Ballistic Missile Defense, 2012 www.nap.edu/catalog/13189/making-sense-of-ballistic-missile-defense-an-assessment-of-concepts