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Staatschef, Flüchtlingshelfer oder Mäzen - Wer gewinnt 2018 den Friedensnobelpreis?

Jedes Jahr Anfang Oktober wird der oder die Gewinnerin des diesjährigen Friedensnobelpreises bekannt gegeben. Die Öffentlichkeit erfährt vorher nur die Anzahl der Nominierungen. In diesem Jahr sind 216 Personen und 115 Organisationen vorgeschlagen worden. Die Verhandlungen des fünfköpfigen Nobelpreis-Komitees sind geheim. Prof. Dr. Michael Brzoska, ehemaliger Direktor des Instituts für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, wagt dennoch eine Prognose:

 

Anhaltspunkte für Spekulationen ergeben sich aus der Widmung des Stifters Alfred Nobel und aus der Liste der bisherigen Preisträgerinnen und Preisträger. Nobel hatte den Preis in seinem Testament für die größte Leistung für „Brüderschaft unter den Nationen, für die Abschaffung stehender Heere und für die Abhaltung und Förderung von Friedenskongressen“ gestiftet. Die Auswahlkomitees haben diese Widmung seit der ersten Preisverleihung 1901 immer weiter ausgelegt. So bekamen zahlreiche Menschrechtsaktivisten den Preis, etwa das pakistanische Mädchen Malala oder auch Umweltorganisationen wie der Internationale Klimarat sowie die gesamte Europäische Union.

In den beiden letzten Jahren ist das Auswahlkomitee allerdings näher bei dem geblieben, was Nobel formuliert hatte. 2016 bekam der kolumbianische Präsident Santos den Preis für seine Bemühungen um Frieden mit der Rebellengruppe FARC. 2017 erhielt ihn die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, kurz Ican. Sie hatte maßgeblich dazu beigetragen, dass ein internationaler Vertrag ausgehandelt worden war.

Diese beiden Preisverleihungen könnten einen Trend im Komitee ankündigen. Sie könnten die Chancen von Kandidatinnen und Kandidaten erhöhen, die im sich im traditionellen Sinne um Frieden verdient gemacht haben. Oder sie könnten das Gegenteil bedeuten: da das Komitee zweimal relativ konservativ entschieden hat, könnte es in diesem Jahr wieder eine Verleihung wagen, die keine Vorläufer hat.

Bleibt das Komitee aber auf der konservativen Linie, dürften zwei Kandidaten besonders gute Chancen haben.

 

Frieden am Horn von Afrika – Spektakulärer Gipfel in Asien

 

Der erste ist der äthiopische Ministerpräsident Abiy Ahmed. Obwohl erst seit einem halben Jahr im Amt, hat er bereits zahlreiche Reformen im Land angestoßen. Sein größtes Verdienst im Sinne Alfred Nobels ist die Aussöhnung mit dem Nachbarland Eritrea. Nachdem sich Eritrea 1993 von Äthiopien losgesagt hatte, gab es immer wieder blutige Auseinandersetzungen um den Verlauf der Grenze. Nach Schätzungen starben bis zu 100 000 Menschen und fast eine Million Männer, Frauen und Kinder flohen aus ihrer Heimat. Anders als seine Vorgänger akzeptierte Abiy einen internationalen Kompromissvorschlag für die Grenzziehung. Die Grenzen wurden wieder geöffnet, ein Friedensvertrag unterzeichnet. Noch ist der Friede nicht gesichert, aber einer der gefährlichsten Konflikte in Ostafrika ist zumindest vorläufig entschärft.

Dasselbe lässt sich über den Konflikt zwischen Nord- und Südkorea sagen, wobei dieser momentan noch labiler erscheint als der zwischen Äthiopien und Eritrea. Das liegt nicht zuletzt an der Sprunghaftigkeit von Donald Trump und Kim Jong Um, zwei der insgesamt drei Hauptakteure. Zwar haben sie mit ihrem Gipfeltreffen in Singapur im Juni das wohl spektakulärste Ereignis geliefert, das Bedeutung für den Friedensnobelpreis des Jahres 2018 hätte. Allerdings hatten sie die Krise zuvor massiv angeheizt. Ein direkter Schlagabtausch der beiden Nuklearmächte USA und Nordkorea war zu befürchten. Auch sind die tatsächlichen Fortschritte bei der Abrüstung auf der koreanischen Halbinsel bisher eher bescheiden. Am meisten erreicht hat dabei der dritte Akteur, Südkoreas Staatschef Moon Jae In. Er setzt auf kleine Schritte statt auf große Gesten. Mehrfach war er als Mitter zwischen den USA und Nordkorea aktiv. Ohne ihn wäre es vermutlich nicht zur Begegnung zwischen Kim und Trump gekommen. Auch er ist damit Kandidat für den Friedensnobelpreis 2018.  

Gegen eine Preisverleihung an Moon spricht, dass das Nobelkomitee Leistungen auszeichnen würde, die möglicherweise schon bald darauf Vergangenheit sind. Trump und Kim könnten sich wieder so streiten wie im Winter 2017/18 und alle Bemühungen Moons konterkarieren. Zudem hat einer seiner Vorgänger, Kim Dae-Jung, im Jahre 2000 für seine Bemühungen um die Verständigung zwischen Nord und Süd die Auszeichnung erhalten.

Auch der Preis für Abiy ist ein Risiko für das Nobelkomitee. Aber er hat schon viel erreicht und würde wohl nur scheitern, wenn er, etwa durch einen Militärputsch, seine Macht verliert. Zudem hat das Komitee in der Vergangenheit schon öfter den Preis verliehen, obwohl unsicher war, ob Bemühungen erfolgreich sein würden. Etwa an US-Präsident Obama 2009 und zuletzt 2016 an den kolumbianischen Präsidenten Lopez.

 

Vielleicht auch ein eindeutiges Signal gegen US-Präsident Trump?

 

Entscheidet sich das Komitee für das bisher noch nicht Dagewesene, kommen naturgemäß viele Möglichkeiten ins Blickfeld. Das Komitee könnte zum Beispiel versucht sein, explizit ein „Anti-Trump“ Signal zu setzen.

In Frage kämen dafür an erster Stelle der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag. Die US-Regierung hatte drastische Maßnahmen angekündigt, sollte er es wagen, Anklage gegen US-amerikanische Soldaten wegen Kriegsverbrechen zu erheben. Eine andere Variante wäre die Verleihung des Preises an eine multilaterale Handelsorganisation. Damit würde das Komitee die Ansicht, dass Handel den Frieden fördert, adeln. Es dürfte allerdings nicht leicht sein, eine auszeichnungswürdige Organisation oder Person zu finden. Mögliche Kandidaten wären die Welthandelsorganisation WTO oder UNCTAD. Attraktiv könnte es auch sein, nicht Handel an sich auszuzeichnen, sondern fairen Handel, der ausdrücklich auch konfliktsensibel ist. Dann wären etwa das Kimberley Abkommen zum Verbot des Handels mit Konfliktdiamanten ein Kandidat oder auch Transparency International, eine Organisation die gegen Korruption kämpft.

 

Auch Journalisten, Umweltschützer und Menschenrechtsorganisationen als Preisträger denkbar

 

Schließlich hat Trump mit seinen ständigen Angriffen gegen die Presse viele Gemüter erregt. Das Komitee könnte, um ein Zeichen zu setzen, erstmals eine Zeitung, einen Fernsehsender oder besonders bekannte Medienvertreter auszeichnen. Um es nicht zu US-zentriert aussehen zu lassen, könnte das Komitee etwa die türkische Zeitung Cumhuriyet und ihren verfolgten Chefredakteur Dündar auszeichnen.

Eine andere, wahrscheinlich höchst umstrittene Variante wäre die erstmalige Verleihung an einen der großen privaten Spender. George Soros, Linda und Bill Gates und andere haben mit ihren Stiftungen weltweit viel Gutes getan. Soros insbesondere im Bereich Demokratieförderung, das Ehepaar Gates im Gesundheitssektor. Es ist nicht selbstverständlich, dass Superreiche so handeln.

Weniger umstritten wäre die Verleihung an den Arktischen Rat. In dieser multilateralen Organisation verhandeln die Anrainerstaaten des Nordmeeres über Konflikte und Kooperationen, die die Region betreffen. In der Vergangenheit hatte sie dabei bereits mehrfach Erfolg. Die Organisation hat nicht zuletzt dazu beigetragen, Konflikte über Ressourcennutzung zu entschärfen. Die Verleihung an den Arktischen Rat würde auch ein Zeichen für Multilateralismus setzen.

Am Ende könnte sich das Komitee dafür entscheiden, weder traditionell noch revolutionär zu entscheiden. Sondern es könnte jemanden auszuwählen, der oder die seit mehreren Jahren auf Listen potenzieller Preisträger erscheint.

 

Flüchtlingshelfer und Menschenrechtsorganisationen ebenfalls auszeichnungswürdig

 

Dazu zählen spätestens seit 2015 Organisationen und Einzelpersonen, die sich um Flüchtlinge kümmern. Das UN-Hilfswerk für Flüchtlinge (UNHCR) hat den Preis zwar schon zweimal (1954 und 1981) erhalten. Das muss allerdings kein Hindernis sein. Noch nie ist die Internationale Organisation für Migration (IOM) ausgezeichnet worden, die ebenfalls gute Arbeit zur Unterstützung von Flüchtlingen leistet. Auch Organisationen, die Bootsflüchtlinge retten, sind immer wieder genannt worden.

Ein weiteres inzwischen häufiger mit dem Friedensnobelpreis bedachtes Feld ist der Einsatz für Menschenrechte. Russland und die Türkei zählen zu den Ländern, in denen die Lage aktuell besonders schlecht ist und in die bislang noch keine Nobelpreise für Menschenrechtsaktivitäten vergeben wurden. Zu den seit Jahren immer wieder genannten Kandidaten gehören die Organisation Memorial und ihre langjährige Aktivistin Svetlana Gannushkina sowie die Union der Soldatenmütter Russlands mit ihrer Leiterin Valentina Melnikowa.

Schließlich könnte das Nobelkomitee angesichts der Kriege im Nahen Osten versucht sein, den Einsatz für die Verminderung von Leid auszuzeichnen. Zu den humanitären Organisationen, die noch nie ausgezeichnet worden sind, die aber große Bedeutung nicht zuletzt in Kriegssituationen haben, gehört das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen. Angesichts des Krieges in Syrien sind auch die Weißhelme, die sich von Rebellen kontrollierten Regionen um Verwundete kümmern, seit einigen Jahren unter den häufig genannten Nobelpreisverdächtigen.

Auch Denis Mukwege ist ein potenzieller Kandidat. Der Arzt hatte tausende Opfer sexualisierter Gewalt im Kongo behandelt hat und ist weltweit einer der bedeutendsten Vorkämpfer für die Bestrafung solcher Verbrechen.

 

Fazit: Dieses Jahr ist es besonders schwer vorherzusagen, wie das Komitee sich entscheiden wird. Es hat keine spektakulären Friedensschlüsse oder internationale Abkommen gegeben. Prinzipiell starke Kandidaten wie Abiy Ahmed und Moon bewegen sich in labilen Umfeldern. Gegen die zunehmende Unsicherheit in der Welt kämpfen viele Einzelpersonen und Organisation auf einer großen Zahl von Feldern, was eine Auswahl nicht erleichtert. Meine persönliche Rangliste führt deshalb, trotz allem, Abiy Ahmed an. Gute Chancen sehe ich auch für George Soros, den Arktischen Rat, Svetlana Gannushkina und das Welternährungsprogramm.