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100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges: Nie wieder Krieg?

Der 11. November 2018 war ein besonderer Jahrestag: Vor 100 Jahren wurde der Erste Weltkrieg beendet, auch der Große Krieg genannt. Er war groß in vielfacher Hinsicht: an menschlichem Leid und kalkulierter Brutalität, an militärtechnologischer Innovationskraft und gezielter Zerstörung, an politischen Ambitionen und strategischen Fehleinschätzungen. George Kennan beschrieb ihn treffend als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. Ihm folgte mit dem Zweiten Weltkrieg ein noch destruktiverer Krieg. Beide Weltkriege haben die Welt verändert, ihre Auswirkungen sind heute noch spürbar. Sie haben sich in das kollektive Gedächtnis der beteiligten Nationen eingebrannt, nicht zuletzt, weil es globalisierte und totale Kriege waren. 

 

 

Die beiden Weltkriege mögen zwar Lernprozesse in Gang gesetzt haben, doch wir wissen, dass diese bislang nicht zur Abschaffung der sozialen Institution Krieg geführt haben. Ob dies überhaupt möglich sein wird, ist umstritten. Während die einen die These vertreten, langfristig befinde sich der Krieg als Institution des zwischenmenschlichen Verkehrs im Niedergang, gehen andere davon aus, dass Krieg als Mittel der Politik immer eine Rolle spielen wird. Wie dem auch sei, unstrittig ist zweierlei: Kriege sind gegenwärtig real und sie verändern ihre Erscheinungsformen ständig. Vor diesem Hintergrund und angesichts des aktuellen Kriegsgeschehens etwa in Libyen, Syrien, Mali, im Jemen, der Ukraine oder anderswo stellt sich die Frage: Was ist überhaupt Krieg? Wie sieht Krieg im 21. Jahrhundert aus? Welche Schlussfolgerungen für die Kriegsverhinderung und Friedensgestaltung lassen sich daraus ziehen?

 

 

Auf die erste Frage gibt es keine allgemeingültige Antwort. Es existieren unterschiedliche Konzepte und Deutungsrahmen von dem, was Krieg ist. In der Charta der Vereinten Nationen kommt das Wort „Krieg“ nur in der Präambel vor. Sie gibt als Aufgabe vor, „künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren, die zweimal zu unseren Lebzeiten unsagbares Leid über die Menschheit gebracht hat [...]“. Demnach ist bereits die Androhung von Gewalt in den internationalen Beziehungen verboten. Militärische Gewalt darf von Staaten nur angewendet werden, um sich gegen einen Angriff zu wehren oder wenn der UN-Sicherheitsrat das Mandat dazu erteilt.

 

 

Doch haben sich die Praxis und die Formen der Kriegführung im 21. Jahrhundert stark gewandelt. Es ist die Rede von asymmetrischer, postmoderner oder hybrider Kriegführung. Zur Zeit der klassischen Territorialstaaten wurde der zwischenstaatliche Krieg erklärt, zwischen Armeen ausgefochten und mit einem Friedensschluss beendet. Diese Ära ist zwar nicht vorbei, wird aber zunehmend überlagert von transnationalen Dynamiken, neuen Praktiken und nichtstaatlichen Akteuren, die die Art der Kriegführung beeinflussen. Krieg und Kriegführung sind heute komplexer, die Formen schwerer unterscheidbar, der Verlauf volatiler, die Ausrichtung gesellschaftszentrierter und dank neuer Technologien informationsintensiver. Sie sind auch vernetzter, transnationaler und „glokaler“, das heißt, die globale und lokale Ebene sind enger miteinander verwoben. Sie finden meist auf einer – zumindest aus Sicht der Interventen – niedrigen Intensitätsebene statt, können aber lange dauern und im Einsatzland viel Leid und Zerstörung verursachen.

 

 

Doch sind Kriege auch erfolgreich? Das Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) hat festgestellt, dass Gewaltkonflikte durch Interventionen häufig tödlicher werden, länger dauern und schwieriger durch eine Verhandlungslösung beizulegen sind. Dieser Befund weckt erhebliche Zweifel daran, ob Militärinterventionen tatsächlich Frieden bringen. Ob diese Zweifel bis in die höchsten Regierungsstellen vordringen, bleibt abzuwarten. Die seit einigen Jahren erkennbare Interventionsmüdigkeit bezieht sich zunächst einmal nur auf komplexe, personalintensive und teure Interventionen, wie etwa in Afghanistan. An ihre Stelle sind „abgespeckte“ Formen der Kriegführung getreten. Sie stützen sich auf lokale Stellvertreter, Spezialkräfte und Schläge aus sicherer Distanz. Oder auf Aktivitäten, die in einer Grauzone stattfinden, was indirektes und verdecktes Vorgehen wie etwa durch Cyberattacken ermöglicht.

 

 

Darum sprechen manche Experten davon, dass Krieg und Frieden nicht mehr eindeutig unterscheidbar seien und die Politik sich darauf einstellen müsse. Das Problem dieser Sichtweise ist allerdings, dass wir uns dann in einen permanenten Kriegszustand wähnen müssten. Die Art des militärischen Eingreifens ändert sich zwar gegenwärtig. Doch bleibt, wie die gegenwärtige Aufrüstungsspirale und die sich verschärfende Mächtekonkurrenz zeigen, die Option zu klassischer konventioneller Kriegführung ebenso bestehen wie die des Einsatzes von Nuklearwaffen. Jeder Art von Kriegführung wohnt eine Tendenz zum Äußersten inne, also zur Eskalation. Darum sollte alles darangesetzt werden, Krieg zu vermeiden.

 

 

So naiv und unhistorisch es ist, von einer Welt auf dem Weg zur universalen Demokratie und zum ewigen Frieden auszugehen, so pseudorealistisch und geschichtsvergessen ist es, die Welt als permanenten Krieg zu imaginieren. Denn: Solange Krieg als Mittel der Politik angesehen wird, muss er auch irgendwann beendet und in einen Friedenszustand überführt werden. Welche Form dieser Frieden annimmt und wie nachhaltig er ist, bleibt Gegenstand der politischen Auseinandersetzung. Der hundertste Jahrestag des Endes des Ersten Weltkriegs erinnert uns daran, dass der Frieden ein kostbares und zerbrechliches Gut ist, das jeden Tag aufs Neue errungen werden muss. Innerhalb und zwischen den Gesellschaften. Gustav Heinemanns Aussage gilt weiterhin: Der Frieden ist der Ernstfall!

 

Dr. Hans-Georg Ehrhart

 

 

Neueste Publikation zum Thema:

 

Ehrhart, Hans-Georg, Hrsg. 2017. Krieg im 21. Jahrhundert. Konzepte, Akteure, Herausforderungen. Demokratie, Sicherheit, Frieden 220. Baden-Baden: Nomos Verlag.