Endlich Frieden oder noch mehr Gewalt? Welche Folgen die Corona-Pandemie auf das weltweite Kriegsgeschehen haben könnte

Eine Einschätzung von Prof. Dr. Michael Brzoska

 

IFSH-Pressemitteilung zum Thema lesen

 

Die Hoffnungen, dass die Krise zumindest zu einem Abflauen bewaffneter Großgewalt beiträgt, sind groß und auch nicht ganz unbegründet. Die Vereinten Nationen haben alle Kriegsparteien, allen voran in den aktuell blutigsten Kriegsgebieten Syrien und Jemen, zum Waffenstillstand aufgerufen. Sie warnen vor den humanitären Folgen der Pandemie. Denn diese könnten in Konfliktgebieten, in denen das Gesundheitswesen ohnehin durch den Krieg weitestgehend zerstört worden ist und Hilfsorganisationen wegen der hohen Ansteckungsgefahr abziehen, noch verheerender sein als anderswo. Darüber hinaus hoffen die Vereinten Nationen  aber auch, dass die Krise die Prioritäten der Kriegsbeteiligten verschiebt, sie künftig ihre Ressourcen statt zur Kriegführung zur gemeinsamen Bewältigung der humanitären Katastrophe einsetzen und damit Kooperationen auch auf anderen Feldern gestärkt werden.

Dass dies keine unrealistische Erwartung ist, zeigen einzelne Naturkatastrophen aus der jüngsten Vergangenheit Prominentestes Beispiel ist der Tsunami vom Dezember 2004 und seine Auswirkungen auf den Bürgerkrieg in Aceh. Die Naturkatastrophe hatte zur Folge, dass die Rebellenbewegung GAM und die indonesischen Regierung ihren bewaffneten Konflikt friedlich beendeten.
Diesem Beispiel stehen allerdings andere gegenüber, in denen Katastrophen Friedensschlüsse behinderten. Auch hier liefert der Tsunami von 2004 ein Beispiel. Auf Sri Lanka brachen Konflikte, die gerade durch einen Friedensschluss eingedämmt worden waren, wieder auf. Ob Naturkatastrophen wie ein Tsunami oder eine weltweite Pandemie Konflikte anheizen oder beilegen können, hängt vor allem davon ab, welcher Dynamik das Konfliktgeschehen folgte, bevor die Katastrophe ausbrach: Dort wo die Bereitschaft zum Frieden bereits in Ansätzen vorliegt, wird der Frieden eher gestärkt, dort wo das nicht der Fall ist, kommt es eher zu einer Eskalation der Gewalt.i

Zu inhaltlich ähnlichen Ergebnissen kommen auch Studien, die untersucht haben, inwiefern Katastrophen neue bewaffnete Auseinandersetzungen entstehen lassen.ii Die meisten dieser Studien untersuchten Katastrophen wie Erdbeben, Stürme, Fluten und Dürren mit Verlust an Menschenleben und Einkommen. Auch hier wird ein breites Spektrum an Reaktionen beschrieben, mit Gewalt und Kooperation als den beiden Polen. Ergebnis: Dort, wo die Bedingungen für einen stabilen Frieden sowieso schon schlecht sind, ist Gewalt die wahrscheinlichere Reaktion auf eine Katastrophe. Vor allem dann, wenn es in dem Land eine große Armut und ethnische Spannungen gibt. Auch die ungleiche Verteilung von Ressourcen und fehlende politische Institutionen, die verhindern könnten, dass Konflikte die Gewaltschwelle überschreiten, erhöhen das Eskalationsrisiko.  

Wo es diese Risiken nicht gibt, ist kein genereller Zusammenhang zwischen Katastrophen und bewaffneten Konflikten feststellbar. Allerdings führen insbesondere größere Katastrophen häufig zu einer länger dauernden Verschlechterung der Lebensbedingungen im Land, was wiederum die Wahrscheinlichkeit bewaffneter Konflikte erhöht. Deren Auswirkungen sind auch nicht nur lokal relevant. Dies zeigt das das Beispiel der extremen Dürre im Sommer 2010 in weiten Teilen Chinas, Russlands und Kanadas. Sie führte dazu, dass sich die Weltmarktpreise für Getreide drastisch erhöhten. In vielen Ländern führte dies zu einer großen Unzufriedenheit in der Bevölkerung, im Frühjahr 2011 kam es in vielen dieser Länder zu Aufständen. 

Es ist deshalb realistisch zu erwarten, dass die Corona-Pandemie in einzelnen Fällen Friedensschlüsse befördert - möglicherweise sogar in großen Konflikten, wie in Afghanistan oder Jemen, wo bereits vor Ausbruch der Pandemie Ansätze zum Frieden gab. Insgesamt aber ist zu befürchten, dass es zu einem Anstieg der Zahl der bewaffneten Auseinandersetzungen kommt, weil lokale Konflikte in Gewalt umschlagen und weil die Wirtschaft und die Gesellschaft in bereits jetzt besonders gefährdeten Ländern durch die globalen Auswirkungen der Pandemie massiv geschädigt werden.

 

i Wichtige Beiträge zu dieser Forschung hat Ilan Kelman geliefert, siehe zum Beispiel Kelman I. Disaster diplomacy: how disasters affect peace and conflict. Abingdon: Routledge 2012.. Eine andere zentrale Publikation ist die von Kreutz J. From tremors to talks: do natural disasters produce ripe moments for resolving separatist conflicts? International Interactions. 2012 38(4): 482–502.

ii Einen Überblick liefert Michael Brzoska, Weather Extremes, Disasters, and Collective Violence: Conditions, Mechanisms, and Disaster-Related Policies in Recent Research. Current Climate Change Reports, 2018 4(4), 320-329.